Gunstbezeigungen, Gnadenbeweise, Macht, Ehren müssen in uns ebenso wol Besorgniss, ein beklemmendes Gefühl, erzeugen, als Schande, Entehrung, Beschämung, Zurücksetzung.
Hohe Würden, hoher Stand muss uns ebenso belästigen und betrüben, wie das Gefühl, dass wir überhaupt einen Körper haben.
Wie kann man wol behaupten, dass Gunstbezeigungen u. s. w. ebenso sehr wie Zurücksetzung u. s. w. das Gefühl der Besorgniss und Beklemmung in uns erregen müssen?
Weil Gunstbezeigungen, Gnadenbeweise, Macht, Ehren irdische Güter sind, daher vergänglich und ungewiss, deshalb kann man mit Recht sagen, dass jene, die Gunstbezeigungen u. s. w., ebenso wol Besorgniss, ein beklemmendes Gefühl in uns erregen müssen, wie die Zurücksetzung u. dgl.
Wie kann man behaupten, hoher Stand, hohe Würde müsse uns ebenso belästigen und betrüben, wie das Gefühl, dass wir überhaupt einen Körper haben?
Weil all unser Gram, unsere Sorge, unsere Betrübniss nur daraus entspringt, dass wir überhaupt einen Körper haben; wenn wir keinen Körper besässen, hätten wir dann irgendwelche Sorge oder Betrübniss?
Darum, wer einen Werth darein setzt, dass er irdischer Natur ist, dem gebe man das Irdische!
Wer Gefallen daran findet, dass er ein Weltkind ist, dem gebe man das Weltliche!
»Gnade und Ungnade ist wie ein Fürchten; Hoheit so grosse Plage wie der Körper«.
Was heisst: Gnade und Ungnade ist wie ein Fürchten? Gnade erniedriget: sie erlangen ist wie ein Fürchten, sie verlieren ist wie ein Fürchten. Das heisst: Gnade und Ungnade ist wie ein Fürchten. — Was heisst: Hoheit ist so grosse Plage wie der Körper? Wir haben deshalb grosse Plagen, weil wir den Körper haben. Sind wir erst ohne Körper, welche Plage haben wir? Drum wer an Hoheit dem Körper das Reich gleichachtet, dem kann man das Reich anheimstellen; wer an Liebe dem Körper das Reich gleichachtet, dem kann man das Reich anvertrauen.
Abscheu vor Beschämung
Gnade ist beschämend durch die Furcht.
Ehre ist ein großes Übel durch das Ich.
[Was heißt das: „Gnade ist beschämend durch die Furcht?“
Gnade ist etwas Erniedrigendes;
bekommt man sie, so muß man sich wie fürchten,
verliert man sie, so muß man sich wie fürchten.
Das heißt: „Gnade ist beschämend durch die Furcht.“
Was heißt das: „Ehre ist ein großes Übel durch das Ich?“
Der Grund, warum ich große Übel erfahre, ist,
daß ich ein Ich habe.
Wenn ich kein Ich habe,
welches Übel gibt es dann noch?]
Darum: Wer in seinem Ich die Welt ehrt,
dem kann man wohl die Welt anvertrauen.
Wer in seinem Ich die Welt liebt,
dem kann man wohl die Welt übergeben.