Victor von Strauß (1870)

Victor von Strauß
Виктор фон Штраус унд Торней (1809–1899) — немецкий богослов, поэт и дипломат. Родился в Бюккебурге (княжество Шаумбург-Липпе), изучал богословие и в 1827 году вступил в студенческое братство «Арминия» в Эрлангене. Служил посланником и министром княжества Шаумбург-Липпе, был доктором богословия Лейпцигского университета и почётным гражданином Дрездена. Вдохновлённый лютеранским Пробуждением, Штраус сочинял церковные гимны — три из них до сих пор входят в немецкие гимналы, — и занимался историей религии (двухтомный труд «Древнеегипетская религия», 1889–1891). К китайской классике он обратился в зрелые годы: его перевод «Шицзина» (1880) стал первым полным немецким переводом древнейшей антологии китайской поэзии. В 1870 году в Лейпциге (Friedrich Fleischer) вышла его двухчастная работа «Lao-Tsë's Tao te King» с обширным вступлением и примечаниями.
Перевод Штрауса (1870) — первый немецкий перевод «Даодэцзина», выполненный по академическим стандартам своего времени. Несколькими месяцами раньше в том же году вышла полная немецкая версия Рейнгольда фон Пленкнера, однако её субъективность вызвала критику, тогда как работа Штрауса, выполненная с опорой на Жюльена, стала эталонной: Вильгельм Грубе называл её «самой остроумной», а Карл Ясперс — «основой изучения» Лаоцзы. Книга содержит обширное вступление о китайской философии и подробные примечания к каждой главе; Штраус читает Лаоцзы в духе немецкой идеалистической философии. Позже перевод был во многом вытеснен версией Рихарда Вильгельма (1911), но продолжает переиздаваться (переработанное издание — Manesse, 1951).

Полный текст перевода

Текст приводится в орфографии первого издания (1870), за исключением мелких нормализаций (напр., «Taò» передано как «Tao»).

Глава 1

Tao, kann er ausgesprochen werden, ist nicht der ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden, ist nicht der ewige Name. Der Namenlose ist Himmels und der Erden Urgrund; der Namen-Habende ist aller Wesen Mutter. Drum »Wer stets begierdenlos, der schauet seine Geistigkeit, Wer stets Begierden hat, der schauet seine Aussenheit.« Diese Beiden sind desselben Ausgangs und verschiedenen Namens. Zusammen heissen sie tief, des Tiefen abermal Tiefes; aller Geistigkeiten Pforte.

Глава 2

Erkennen alle in der Welt des Schönen Schön-Seyn, dann auch das Hässliche; erkennen Alle des Guten Gut-Seyn, dann auch das Nichtgute. Denn »Seyn und Nichtseyn einander gebären: Schwer und Leicht einander bewähren, Lang und Kurz einander erklären, Hoch und Niedrig einander entkehren, Ton und Stimme einander sich fügen, Vorher und Nachher einander folgen.« Daher der heilige Mensch beharrt im Geschäft des Nicht-Thuns. Wandel, nicht Rede, ist seine Lehre. Alle Wesen treten hervor und er entzieht sich nicht. Er belebt und hat nicht. Er thut und giebt nichts drauf. Er vollendet Verdienstliches und besteht nicht darauf. »Weil er nicht darauf besteht, Darum es ihm nicht entgeht.«

Глава 3

Nicht hochstellen die Weisen, macht das Volk nicht hadern. Nicht hochschätzen Güter schweren Erwerbs, macht das Volk nicht Diebstahl verüben. Nicht ansehen Begehrbares, macht das Herz nicht unruhig. Daher der heilige Mensch, welcher regiert, leeret sein Herz, füllet sein Inneres, schwächet seinen Willen, stärket sein Gebein. Immer macht er das Volk nichts kennen, nichts begehren; macht er dass die, welche kennen, nicht wagen zu thun. Thut er das Nicht-Thun, dann mangelts nicht am Regiment.

Глава 4

Tao ist leer, und gebraucht er dess, wird er nie gefüllt. Ein Abgrund, oh! gleicht er aller Wesen Urvater. »Er bricht seine Schärfe, Streut aus seine Fülle, Macht milde sein Glänzen, Wird eins seinem Staube« — Tiefstill — gleich wie wenn er dawäre. Ich weiss nicht, wess Sohn er ist. Er zeigt sich als des Herrn Vorgänger.

Глава 5

Himmel und Erde haben keine Menschenliebe; sie nehmen alle Wesen für einen Heu-Hund. Der heilige Mensch hat keine Menschenliebe; er nimmt das Volk für einen Heu-Hund. Was zwischen Himmel und Erde, wie gleicht es dem Blasbalg! Er ist leer und doch unerschöpflich; er regt sich, und umsomehr geht heraus. »Viel Worte meist in Nichts verrinnen; Und besser, man bewahrt es innen.«

Глава 6

»Der Thal-Geist ist unsterblich; er heisst das tiefe Weibliche. Des tiefen Weiblichen Pforte, die heisst Himmels und der Erden Wurzel. Je und je ist er wie daseyend; man braucht ihn mühelos«.

Глава 7

Der Himmel ist bleibend und die Erde dauernd. Himmel und Erde können deshalb bleibend und dauernd seyn, weil sie nicht sich selbst leben. Drum können sie bleiben und dauern. Daher der heilige Mensch hintansetzt sein Selbst, und selbst vorankommt; sich äussert seines Selbst, und selbst bewahrt wird. Etwa nicht, weil er nichts eigen hat? Drum kann er sein Eigen vollenden.

Глава 8

Der ganz Gute ist wie Wasser — Wasser ist gut, allen Wesen zu nützen, und streitet nicht; es bewohnt was die Menschen verabscheuen —; drum ist er nahe an Tao. Im Wohnen ist er gut der Erde, im Herzen gut dem Abgrund, im Geben gut der Menschenliebe, im Reden gut der Wahrheit, im Herrschen gut dem Regiment, im Geschäft gut der Geschicklichkeit, im Bewegen gut der Zeit. Er streitet nicht, drum wird ihm nicht gegrollt.

Глава 9

Ergreifen und vollgiessen, — besser, das unterbleibt. Betasten und schärfen, kann nicht lange währen. Füllt Gold und Edelgestein eine Halle, vermag es Keiner zu hüten. Reich, Geehrt und Hochmüthig bescheert sich selbst sein Unglück. Verdienstliches vollendet, Ruhm erlangt — sich selbst zurückziehn, ist des Himmels Weg.

Глава 10

Wer dem Geist die Seele einergiebt und Einheit umfängt, kann ungetheilt seyn. Bezwingt er das Seelische bis zur Nachgiebigkeit, kann er wie ein Kindlein seyn. Reinigt und öffnet er den tiefen Blick, kann er ohne Schwachheit seyn. Liebt er das Volk und regiert er das Land, kann er ohne Thun seyn. Die Himmelspforten öffnen sich oder schliessen sich, er kann das Vogelweibchen seyn. Lichthell Alles durchdringend, kann er unwissend seyn. Er belebt und ernährt; belebt und hat nicht, thut und giebt nichts drauf, erhält und beherrscht nicht. Das heisst tiefe Tugend.

Глава 11

Dreissig Speichen treffen auf eine Nabe: gemäss ihrem Nichtseyn ist des Wagens Gebrauch. Man erweicht Thon um ein Gefäss zu machen: gemäss seinem Nichtseyn ist des Gefässes Gebrauch. Man bricht Thür und Fenster, um ein Haus zu machen: gemäss ihrem Nichtseyn ist des Hauses Gebrauch. Drum: das Seyn bewirkt den Gewinn, das Nichtseyn bewirkt den Gebrauch.

Глава 12

»Die fünf Farben machen des Menschen Aug' zu Raub, Die fünf Töne machen des Menschen Ohren taub, Die fünf Schmäcke machen des Menschen Mund verstört, Feldjagd und Pferderennen machen des Menschen Herz bethört, Und Schätze, schwer erreichbar, machen des Menschen Gang verkehrt.« »Deshalb des Heil'gen Thun ist seine Brust, Nicht Augenlust.« Drum lasset er das und ergreift diess.

Глава 13

»Gnade und Ungnade ist wie ein Fürchten; Hoheit so grosse Plage wie der Körper«. Was heisst: Gnade und Ungnade ist wie ein Fürchten? Gnade erniedriget: sie erlangen ist wie ein Fürchten, sie verlieren ist wie ein Fürchten. Das heisst: Gnade und Ungnade ist wie ein Fürchten. — Was heisst: Hoheit ist so grosse Plage wie der Körper? Wir haben deshalb grosse Plagen, weil wir den Körper haben. Sind wir erst ohne Körper, welche Plage haben wir? Drum wer an Hoheit dem Körper das Reich gleichachtet, dem kann man das Reich anheimstellen; wer an Liebe dem Körper das Reich gleichachtet, dem kann man das Reich anvertrauen.

Глава 14

Man schaut Ihn ohne zu sehen: sein Name heisst I (Gleich); man vernimmt Ihn ohne zu hören: sein Name heisst Hi (Wenig); man fasst Ihn ohne zu bekommen: sein Name heisst Wi (Fein). Diese Drei können nicht ausgeforscht werden; drum werden sie verbunden und sind Einer. Sein Oberes ist nicht klar, sein Unteres nicht dunkel. Je und je ist er unnennbar und wendet sich zurück ins Nicht-Wesen. Das heisst des Gestaltlosen Gestalt, des Bildlosen Bild; das ist gar unerfasslich. Ihm entgegnend siehet man nicht sein Haupt, ihm nachfolgend siehet man nicht seine Rückseite. Hält man sich an den Tao des Alterthums, um zu beherrschen das Seyn der Gegenwart, so kann man erkennen des Alterthums Anfänge: das heisst Tao's Gewebaufzug.

Глава 15

Die Guten des Alterthums, die da Meister worden sind, waren fein, geistig und tief eindringend. Verborgen, konnten sie nicht erkannt werden. Weil sie nicht erkannt werden können, so mühe ich mich sie kenntlich zu machen. — Behutsam waren sie, wie wer im Winter einen Fluss überschreitet; vorsichtig, wie wer alle Nachbarn fürchtet; zurückhaltend, wie ein Gast; zergehend, wie Eis das schmelzen will; einfach, wie Rohholz; leer, wie ein Thal; undurchsichtig, wie getrübtes Wasser. — Wer kann das Trübe, indem er es stillt, allmählich klären? Wer kann die Ruhe, indem er sie verlängert, allmählich beleben? Wer jenen Tao festhält, wünscht nicht gefüllt zu seyn; ist er nur nicht gefüllt, so kann er mangelhaft seyn und nicht neu vollendet.

Глава 16

Wer erreicht hat der Entäusserung Gipfel, behauptet unerschütterliche Ruhe. Alle Wesen miteinander treten hervor, und wir sehen sie wieder zurückgehn. Wenn sich die Wesen entwickelt haben, kehrt jedes zurück in seinen Ursprung. Zurückgekehrtseyn in den Ursprung, heisst ruhen. Ruhen heisst, die Aufgabe erfüllt haben. Die Aufgabe erfüllt haben, heisst ewig seyn. »Das Ew'ge kennen, heisst erleuchtet seyn.« Das Ewige nicht kennen, entsittlicht und macht unglücklich. Wer das Ewige kennt, ist umfassend; umfassend, daher gerecht; gerecht, daher König; König, daher des Himmels; des Himmels, daher Tao's; Tao's, daher fortdauernd: er büsst den Körper ein ohne Gefährde.

Глава 17

Bei den grossen Königen wussten die Unterthanen, sie hätten sie. Deren Nachfolger liebten und lobten sie. Deren Nachfolger fürchteten sie. Deren Nachfolger verachteten sie. Vertraut man nicht genug, erhält man kein Vertrauen. Wie vorsichtig ihre kostbaren Worte! Verdienstliches ward vollbracht, Unternehmungen gelangen, und alle hundert Geschlechter sagten: wir sind frei.

Глава 18

Wird der grosse Tao verlassen, giebts Menschenliebe und Gerechtigkeit. Kommt kluge Gewandtheit auf, giebts grosse Heuchelei. Sind die sechs Blutsfreunde uneinig, giebts Kindespflicht und Vaterliebe. Ist die Landesherrschaft in Verfall und Zerrüttung, giebts getreue Diener.

Глава 19

Lasset fahren die Weisheit, gebet auf die Klugheit: des Volkes Wolfahrt wird sich verhundertfachen. Lasset fahren die Menschenliebe, gebet auf die Gerechtigkeit: das Volk wird zurückkehren zu Kindespflicht und Vaterliebe. Lasset fahren die Geschicktheit, gebet auf den Gewinn: Diebe und Räuber wird es nicht geben. Diese Drei anlangend. — »Nimmt man den Schein nicht als genügend an, Drum soll man haben, dran man halten kann; Man zeige Lauterkeit, zieh' Einfalt an, Sein Eignes mindre, wenig wünsche man.«

Глава 20

Wer das Lernen fahrenlässt, hat keinen Kummer. »Oh ja« und »Ja ja«, wie wenig unterscheiden sie sich! Gut und Bös, wie sehr unterscheiden sie sich! Was die Menschen fürchten, kann man nicht nicht-fürchten. Die Verfinsterung, o dass sie noch nicht aufhört! Die Menschen strahlen vor Lust, wie wer einen Stier opfert, wie wer im Frühling eine Anhöhe ersteigt: — ich allein liege still, noch ohne Anzeichen davon, wie ein Kindlein das noch nicht lächelt; ich schwanke umher, wie wer nicht hat wohin er sich wendet. Die Menschen alle haben Überfluss: — ich allein bin wie ausgeleert; oh ich habe eines Stumpfsinnigen Herz! ich bin so verwirrt! Die gewöhnlichen Menschen sind sehr erleuchtet: — ich allein bin wie verfinstert. Die gewöhnlichen Menschen sind sehr lauter: — ich allein bin ganz trübe, vergessen wie das Meer, fortgetrieben, wie wer nicht hat wo er anhält. Die Menschen alle sind zu gebrauchen: — ich allein bin tölpisch gleich einem Bauern. Ich allein bin anders als die Menschen, aber ich ehre die nährende Mutter.

Глава 21

Des leeren Vermögens Inhalt, nur Tao folget er nach. Tao ist Wesen, aber unfasslich, aber unbegreiflich. Unbegreiflich! unfasslich! in Ihm sind die Bilder. Unfasslich! unbegreiflich! in Ihm ist das Wesen. Unergründlich! dunkel! in Ihm ist der Geist. Sein Geist ist höchst zuverlässig. In Ihm ist Treue. Von Alters her bis jetzt verging sein Name nicht, dieweil er allen Dingen den Anfang ausersieht. Woher weiss ich, dass aller Dinge Anfang also? Durch Ihn.

Глава 22

»Wenn krumm, so werd' es vollkommen; wenn ungleich, so werd' es gerade; wenn vertieft, so werd' es ausgefüllt; wenn zerrissen, so werd' es neu; wenn wenig, so werd' erreicht; wenn viel, so werde verfehlt.« — Daher der heilige Mensch umfasst das Eine, und wird der Welt Vorbild. — Nicht sich siehet er an, drum leuchtet er; nicht sich ist er recht, drum zeichnet er sich aus; nicht sich rühmet er, drum hat er Verdienst; nicht sich erhebt er, drum ragt er hervor. — Weil er nicht streitet, drum kann Keiner in der Welt mit ihm streiten. — Was die Alten sagten: »Wenn krumm, so werd' es vollkommen«, sind es denn leere Worte? Ein wahrhaft Vollkommener, — und man kehrt dahin zurück.

Глава 23

Wenig reden ist naturgemäss. Wirbelwind währt keinen Morgen; Platzregen währt keinen Tag. Wer macht diese? Himmel und Erde. Himmel und Erde sogar können nicht länger, um wie viel weniger denn der Mensch! Drum, wess Thun mit Tao einstimmt, wird eins mit Tao; der Tugendsame wird eins mit der Tugend; der Verderbte wird eins mit der Verderbniss. Wer eins wird mit Tao, auch Tao freuts, ihn zu bekommen; wer eins wird mit der Tugend, auch die Tugend freuts, ihn zu bekommen; wer eins wird mit der Verderbniss, auch die Verderbniss freuts, ihn zu verderben. Vertraut man nicht genug, erhält man kein Vertraun.

Глава 24

Wer sich auf den Zehen erhebt, steht nicht fest, wer die Beine spreizt, schreitet nicht fort. Wer sich ansiehet, leuchtet nicht; wer sich recht ist, zeichnet sich nicht aus; wer sich rühmt, hat kein Verdienst; wer sich erhebt, ragt nicht hervor. Er vor Tao — heisst Abhub vom Essen, unanständig Gebaren. Jeder verabscheuet es. Drum wer Tao hat, hält es nicht so.

Глава 25

Es gab ein Wesen, unbegreiflich vollkommen, ehe denn Himmel und Erde entstanden. So still! so übersinnlich! Es allein beharrt und wandelt sich nicht. Durch Alles geht's und gefährdet sich nicht. Man darf es ansehn als der Welt Mutter. Ich kenne nicht seinen Namen; bezeichne ich es, nenn' ichs Tao. Bemüht, ihm einen Namen zu geben, nenn' ichs Gross; als gross nenn' ichs Überschwänglich; als überschwänglich nenn' ichs Entfernt; als entfernt nenn' ichs Zurückkehrend. Denn Tao ist gross, der Himmel ist gross, die Erde ist gross, der König ist auch gross. In der Welt giebts viererlei Grosse, und der König bleibt deren Einer. Des Menschen Richtmass ist die Erde, der Erde Richtmass der Himmel, des Himmels Richtmass Tao, Tao's Richtmass sein Selbst.

Глава 26

Das Schwere ist des Leichten Wurzel; das Ruhige ist des Unruhigen Herr. Daher der heilige Mensch den ganzen Tag wandelt ohne zu weichen von ruhigem Ernst. Hat er gleich Prachtpaläste, gelassen bewohnt er sie und verlässt sie ebenso. Wie aber, wenn der Myriaden Wagen Gebieter um seinetwillen leicht nimmt das Reich? Nimmt ers leicht, so verliert er die Vasallen; ist er unruhig, so verliert er die Herrschaft.

Глава 27

»Ein guter Wandrer lässt nicht Fussspurmäler, Ein guter Sprecher macht nicht Redefehler, Ein guter Rechner braucht nicht Rechenmarkenzähler, Ein guter Schliesser braucht nicht Schloss noch Riegel, und dennoch ist nicht aufzulüpfen, Ein guter Binder schlinget keine Knoten, und dennoch ist nicht loszuknüpfen.« Daher der heilige Mensch ist immer ein guter Helfer der Menschen, drum verlässt er keinen Menschen; immer ein guter Helfer der Geschöpfe, drum verlässt er kein Geschöpf. Das heisst herrlich leuchten. Drum ist der gute Mensch des nichtguten Menschen Erzieher; der nichtgute Mensch des guten Menschen Schatz. Nicht ehren seinen Erzieher, nicht lieben seinen Schatz, ist bei aller Klugheit grosse Verblendung. — Das heisst bedeutsam und geistig.

Глава 28

»Wer seine Mannheit kennt, an seiner Weibheit hält, Der ist das Strombett aller Welt. Ist er das Strombett aller Welt: — Die stäte Tugend nicht entfällt, Und wieder kehrt er ein zur ersten Kindheit. Wer seine Helle kennt, sich in sein Dunkel hüllt, Ist aller Welt ein Musterbild. Ist er der Welt ein Musterbild: — Die stäte Tugend bleibt sein Schild, Und wieder kehrt er ein in's Unbefangne. Wer seine Hoheit kennt, und hält Demüthigung, Ist aller Welt Thalniederung. Ist er der Welt Thalniederung: — Dann stäter Tugend ists genung, Und wieder kehrt er ein zur ersten Einfalt.« Die Einfalt wird zerstört und dann wird man brauchbar. Wendet der heilige Mensch sie an, dann wird er der Amtleute Oberster; denn er regiert grossartig und verletzt nicht.

Глава 29

Wer da trachten würde das Reich zu nehmen und es zu machen, wir sehen ihm nicht gelingen. Das Reich ist ein geistig Gefäss, es kann nicht gemacht werden. Der Macher zerstört es, der Nehmer verliert es. Denn ein Wesen — »Bald geht es vor, bald folgt es nach, Bald bläst es warm, bald kalt darein, Bald wird es stark, bald wird es schwach, Bald steigt es auf, bald stürzt es ein.« Daher der heilige Mensch meidet das Übersteigen, meidet die Überhebung, meidet die Grösse.

Глава 30

Wer mit Tao beisteht dem Menschenherrscher, nicht mit Waffen vergewaltigt er das Reich. Sein Verfahren liebt zurückzukehren. Wo Heerhaufen lagern, gehn Diesteln und Dornen auf. Grosser Kriegszüge Folge sind sicherlich Nothjahre. Der Gute siegt, und damit genug; er wagt nicht zur Vergewaltigung zu greifen. Er siegt, und ist nicht stolz; siegt, und triumphirt nicht; siegt, und überhebt sich nicht; er siegt, und kanns nicht vermeiden; siegt und vergewaltiget nicht. »Was stark geworden ist, ergreist; Und das ist, was man Tao-los heisst. Was Tao-los ist, das endet früh.«

Глава 31

Die schönsten Waffen sind Unglückswerkzeuge, alle Wesen verabscheuen sie; drum wer Tao hat führt sie nicht. Ist der Weise daheim, dann schätzt er die Linke; braucht er die Waffen, dann schätzt er die Rechte. Waffen sind Unglückswerkzeuge, nicht des Weisen Werkzeuge. Kann er nicht umhin und braucht sie, sind ihm Fried und Ruh doch das Höchste. Er siegt, aber ungern. Es gern thun ist sich freuen Menschen zu tödten. Wer sich freuet Menschen zu tödten, kann seine Absicht am Reich nicht erreichen. — Erfreuliche Handlungen bevorzugen die Linke, schmerzliche Handlungen bevorzugen die Rechte. Der Unterfeldherr steht links, der Oberfeldherr steht rechts; anzuzeigen, er stehe wie bei der Leichenfeier. Wer viele Menschen getödtet, mit Schmerz und Mitleid bewein' er sie. Wer im Kampfe gesiegt, der stehe wie bei der Leichenfeier.

Глава 32

Tao, der Ewige, hat keinen Namen. Seine Einfältiglichkeit, so zart sie auch ist, die ganze Welt wagt nicht sie dienstbar zu machen. Wenn Fürsten und Könige sie vermöchten zu halten, alle Wesen würden von selbst huldigen, Himmel und Erde sich vereinigen, erquicklichen Thau herabzusenken; das Volk, Niemand geböte ihm, und von selbst wäre es rechtschaffen. — Der da anhebt zu schaffen, hat einen Namen. Ist der Name denn bereits da, so wolle man auch anzuhalten wissen. Wer anzuhalten weiss, ist dadurch ausser Gefahr. Ähnlich ist Tao's Seyn in der Welt, wie Bäche und Flüsse, die zu Strömen und Meeren werden.

Глава 33

Wer Andre kennt, ist klug; wer sich selbst kennt, ist erleuchtet. Wer Andre überwindet, hat Stärke; wer sich selbst überwindet, ist tapfer. Wer sich zu genügen weiss, ist reich; wer tapfer vorgeht, hat Willen. Wer seinen Ort nicht verliert, dauert fort; wer stirbt und doch nicht untergeht, lebt lange.

Глава 34

Der grosse Tao, wie er umherschwebt! Er kann links seyn und rechts. Alle Wesen verlassen sich auf ihn um zu leben, und er versagt nicht. Ist das Werk vollendet, nennt er's nicht sein. Er liebt und nährt alle Wesen und macht nicht den Herren. Ewig ohne Verlangen, kann er klein genannt werden. Alle Wesen kehren sich (zu ihm), und er macht nicht den Herren, — er kann gross genannt werden. Daher der heilige Mensch nie den Grossen macht, drum kann er seine Grossheit vollenden.

Глава 35

»Wer's grosse Bild festhält, Zu dem kommt alle Welt; Kommt — und da ist kein Weheklagen, Nur Friede, Ruh, Behagen.« — Bei Musik und Leckereien steht der vorbeigehende Fremde still; — geht Tao hervor vom Munde: wie ungesalzen! der ist ohne Schmack! Ihn anschauen genügt dem Gesicht nicht; ihn vernehmen genügt dem Gehör nicht. Ihn brauchen — kann kein Ende finden.

Глава 36

Was sich einziehen will, hatte sich sicherlich ausgedehnt; was schwach werden will, war sicherlich stark geworden; was fallen will, war sicherlich aufgestiegen; was sich entreissen will, hatte sich sicherlich mitgetheilt. Das heisst: Verborgenes wird klar. Weich und Schwach überwindet Hart und Stark. Der Fisch darf die Wassertiefe nicht verlassen; des Landes scharf Geräth, nicht darf man es den Menschen zeigen.

Глава 37

Tao ist ewig ohne Thun, und doch ohne Nicht-Thun. Wenn Könige und Fürsten (das) zu beobachten vermöchten, alle Wesen würden von selbst sich umwandeln. Wandelten sie sich um, und wollten sich aufthun, ich würde sie niederhalten mit des Namenlosen Einfachheit. »Des Namenlosen Einfachheit Bringt auch Begehrenslosigkeit; Begehrenslosigkeit macht ruhn Und alle Welt von selbst das Rechte thun.«

Глава 38

Hohe Tugend keine Tugend, daher ist sie Tugend; niedere Tugend unfehlbar Tugend, daher ist sie nicht Tugend. Hohe Tugend ist ohne Thun, und es ist ihr nicht um's Thun; niedere Tugend thut, und es ist ihr um's Thun. Hohe Menschenliebe thut, und es ist ihr nicht um's Thun. Hohe Gerechtigkeit thut, und es ist ihr um's Thun. Hohe Anständigkeit thut, und entspricht ihr Keiner, dann streckt sie den Arm aus und erzwingt es. Darum: verliert man Tao, hernach hat man Tugend; verliert man die Tugend, hernach hat man Menschenliebe; verliert man die Menschenliebe, hernach hat man Gerechtigkeit; verliert man die Gerechtigkeit, hernach hat man Anständigkeit. Diese Anständigkeit ist der Treu' und Redlichkeit Aussenseite und der Unbotmässigkeit Beginn. Das äusserliche Wissen ist Tao's Blüthe und der Unwissenheit Anfang. Daher ein grosser Mann bleibt bei seinem Inhalt und weilt nicht bei seiner Aussenseite; bleibt bei seiner Frucht und weilt nicht bei seiner Blüthe. Drum lasset er jenes und ergreift dieses.

Глава 39

Was einstmals Einheit gekriegt. »Himmel kriegte Einheit, damit Glast, Erde Einheit, damit Ruh und Rast, Geister Einheit, damit den Verstand, Bäche Einheit, damit vollen Rand, Alle Wesen Einheit, damit Leben, Fürst und König Einheit, um der Welt das rechte Maass zu geben.« Das bewirkt die Einheit. »Gäbe nichts dem Himmel Glast, Würd' er, traun, zerschellen; Gäbe nichts der Erde Rast, Würde sie zerspellen; Gab' den Geistern nichts Verstand, Würden sie zerfliegen; Füllte nichts der Bäche Rand, Würden sie versiegen; Gäbe nichts den Wesen Leben, Würden sie zerwallen; Hätten Fürst und König nicht, um hoch und edel Maass zu geben. Traun, sie würden fallen.« Drum macht das Edle das Geringe zu seiner Wurzel, das Hohe macht das Niedrige zu seiner Grundlage. Daher Fürsten und Könige sich nennen Verwaisete, Wenigkeiten, Unwürdige. Machen sie denn das Geringe zu ihrer Wurzel, oder nicht? Drum, fertige Wagenstücke sind kein Wagen, Wer nicht will hoch geschätzt werden wie ein Nephrit, wird gering geschätzt wie ein Stein.

Глава 40

»Rückkehr ist Tao's Bewegniss; Schwachseyn ist Tao's Gepflegniss.« Alle Wesen der Welt entstehen aus dem Seyn. Das Seyn entsteht aus dem Nichtseyn.

Глава 41

Hören Hochgebildete von Tao, werden sie eifrig und wandeln in ihm. Hören Mittelgebildete von Tao, bald behalten sie ihn, bald verlieren sie ihn. Hören Niedriggebildete von Tao, verlachen sie ihn höchlich. Lachten sie nicht, so genügte es nicht, um für Tao zu gelten. Denn aufrichtige Worte sind es: »Wer licht in Tao, ist wie voll Nacht, Wer weit in Tao, wie rückgebracht, Wer hehr in Tao, wie ungeschlacht, Wer hoch an Tugend, wie ein Thal, Wer gross an Reinheit, wie voll Mal', Wer reich an Tugend, wie am Nöth'gen kahl. Wer fest an Tugend, wie in Schwanken, Wer acht an Glauben, wie in Wanken, — Ein gross Quadrat ohn' Winkelflanken, Ein gross Gefass, unfertig alt. Ein grosser Klang, der schwach erschallt. Ein grosses Bildniss ohn' Gestalt. Tao ist verborgen, namenlos, Doch Tao nur im Verleihn und im Vollenden gross.«

Глава 42

Tao erzeugt Eins, Eins erzeugt Zwei, Zwei erzeugen Drei, Drei erzeugen alle Wesen. Alle Wesen tragen das Ruhende und umschliessen das Thätige; die vermittelnde Naturseele bewirkt die Vereinigung. Was die Menschen hassen, ist Verwaisete, Wenigkeiten, Unwürdige zu seyn, und Könige und Fürsten machen es zu ihrer Bezeichnung. Denn ein Wesen — »bald nimmts ab und nimmt doch zu, bald nimmts zu und nimmt doch ab«. Was Andre lehren, das lehre ich auch. »Gewaltthätige, Halsstarrige erreichen nicht ihren Tod.« Ich will daraus einen Lehrgrund machen.

Глава 43

Der Welt Allernachgiebigstes überwältigt der Welt Allerhärtestes. Das Nicht-Seyende durchdringt das Zwischenraumlose. Daraus erkenne ich des Nicht-Thuns Vortheil. — Des Nicht-Redens Lehre, des Nicht-Thuns Vortheil, Wenige in der Welt erreichen sie.

Глава 44

Name oder Person, was ist näher? Person oder Besitz, was ist mehr? Erwerben oder verlieren, was ist schlimmer? Daher — »Wer zu sehr liebt, Nothwendig gross drangiebt; Wer viel ergiert, Nothwendig stark verliert. Wer Gnüge kennt, Wird nicht geschändt; Wer still kann stehn, Wird Fahr entgehn; Kann dabei lange dauern«.

Глава 45

»Der recht Vollkommne ist wie unzulänglich; Wess er gebraucht, ist unvergänglich. Der recht Erfüllte ist wie leer; Wess er gebraucht, erschöpft sich nimmermehr. Der recht Gerade ist wie krumm, Der recht Gescheidte ist wie dumm, Der recht Beredte ist wie stumm«. Unruhe überwindet Kälte, Ruhe überwindet Hitze. Der Reine, Ruhige wird der Welt Richtmaass.

Глава 46

Hat das Reich Tao, so behält man Gangrosse zur Felddüngung; hat das Reich nicht Tao, so leben Kriegsrosse im Auslande. »Kein grössrer Frevel, als Gelüst erlaubt zu nennen; Kein grössres Unheil, als Genügen nicht zu kennen; Kein grössres Laster, als nach Mehrbesitz zu brennen«. Drum, wer sich zu genügen weiss, hat ewig genug.

Глава 47

Nicht ausgehend zur Thür, kennt man die Welt; nicht ausblickend durchs Fenster, sieht man des Himmels Weg. Je weiter man ausgeht, desto weniger kennt man. Weshalb der heilige Mensch — »Nicht hingeht, und kennt, Nicht sieht, und benennt, Nicht thut, und vollendt«.

Глава 48

Wer thut im Lernen, nimmt täglich zu; wer thut in Tao, nimmt täglich ab; nimmt ab und nimmt weiter ab, um anzulangen am Nicht-Thun. Er thut nicht, und doch ist er nicht unthätig. Bekommt er das Reich, (so ist es) immer durch Nicht-Geschäftigkeit. Solange Einer Geschäftigkeit hat, verdient er nicht, das Reich zu bekommen.

Глава 49

Der heilige Mensch hat kein beharrlich Herz; aus der hundert Geschlechter Herzen macht er sein Herz. Den Guten behandle ich gut, den Nichtguten behandle ich auch gut. Tugend ist Güte. Den Aufrichtigen behandle ich aufrichtig, den Nichtaufrichtigen behandle ich auch aufrichtig. Tugend ist Aufrichtigkeit. Der heilige Mensch ist in der Welt voller Furcht, dass er durch die Welt sein Herz verunreinige. Die hundert Geschlechter alle richten auf ihn Ohr und Auge. Dem heiligen Menschen sind sie Alle Kinder.

Глава 50

Ausgehn zum Leben ist Eingehn zum Sterben. »Des Lebens Gesellen sind dreizehn, des Sterbens Gesellen dreizehn. Lebt der Mensch, so regt er der tödtlichen Stellen auch dreizehn«. Warum das? Wegen seiner Lebenslust Übermaasses. Denn wir hören: »Wer das Leben zu erfassen weiss, geht geradezu ohne zu fliehn vor Nashorn und Tiger; geht in ein Kriegsheer ohne anzulegen Panzer und Waffen. Das Nashorn hat nicht wo es sein Hörn einstosse, der Tiger hat nicht wo er seine Klauen einschlage, Waffen haben nicht wo sie ihre Schneide einbringen«. Warum das? Weil er keine tödtliche Stelle hat.

Глава 51

Tao erzeugt sie, seine Macht erhält sie, sein Wesen gestaltet sie, seine Kraft vollendet sie: daher von allen Wesen Keines, das nicht anbete Tao und verehre seine Macht. Tao's Anbetung, seiner Macht Verehrung ist Niemandes Gebot und immerdar freiwillig. Denn Tao erzeugt sie, erhält sie, zieht sie gross, bildet sie aus, vollendet sie, reifet sie, verpflegt sie, beschirmet sie. Erzeugen und nicht besitzen, thun und nichts drauf geben, grossziehn und nicht beherrschen, — das heisst tiefe Tugend.

Глава 52

Die Welt hat einen Urgrund, der ward aller Wesen Mutter. Hat man seine Mutter gefunden, so erkennt man dadurch seine Kindschaft. Hat man seine Kindschaft erkannt, und kehret zurück zu seiner Mutter, so ist des Leibes Untergang ohne Gefahr. »Schliesst man seine Ausgänge, macht zu seine Pforten«, so ist des Leibes Ende ohne Sorge. Öffnet man seine Ausgänge, fördert man seine Anliegen, so ist man bei des Leibes Ende ohne Rettung. Auf das Kleine sehen, heisst erleuchtet seyn; Weichheit bewahren, heisst stark seyn. Braucht man seine Klarheit und kehrt zurück zu seinem Lichte, so verliert man nichts bei des Leibes Zerstörung. Das heisst Ewigkeit anziehen.

Глава 53

»Wenn ich hinreichend erkannt habe, wandle ich im grossen Tao; nur bei der Durchführung ist diess zu fürchten: Der grosse Tao ist sehr gerade, aber das Volk liebt die Umwege«. — Sind die Paläste sehr prächtig: sind die Felder sehr wüst, die Speicher sehr leer. Bunte Kleider anziehn, scharfe Schwerter umgürten, sich füllen mit Trank und Speisen, kostbare Kleinodien haben in Überfluss, dass heisst mit Diebstahl prahlen; wahrlich nicht Tao haben.

Глава 54

Baut Einer gut, wird nicht abgerissen; verwahrt Einer gut, kommts nicht abhanden; Kinder und Kindeskinder bringen ihm Opfer ohn' Aufhören. »Er führt Ihn bei sich selber ein, Dann hat sein' Tugend acht Gedeihn; Er führt Ihn ein in seinem Haus, Dann fliesst sein' Tugend reichlich aus; Er führt Ihn ein in seinem Ort, Dann wächst sein' Tugend mächtig fort; Er führt Ihn ein in seinem Land, Dann hat sein' Tugend Blüthenstand; Er führt im ganzen Reich Ihn ein Dann schliesst sein' Tugend Alles ein«. Darum: an der Person prüft man die Personen, an dem Hause prüft man die Häuser, an dem Orte prüft man die Örter, an dem Lande prüft man die Länder, an dem Reiche prüft man das Reich. — Woran erkenne ich, dass das Reich also sey? — An ihm. —

Глава 55

Wer in sich hat der Tugend Fülle, gleicht dem neugeborenen Kinde: Giftig Gewürm sticht es nicht, reissende Thiere packen es nicht, Raubvögel stossen es nicht. Die Knochen sind schwach, die Sehnen weich, und doch greift es fest zu. Den ganzen Tag schreiet es, und doch wird das Schluchzen nicht heiser, aus Fülle des Einklangs. »Den Einklang kennen, heisst Ewigkeit; Das Ew'ge kennen, Erleuchtetheit; Voll leben, heisst Unseligkeit; Das Herz ins Seelische legen. Kräftigkeit. Was stark geworden ist, ergreist. Und das ist, was man Tao-los heisst. Was Tao-los ist, das endet früh«.

Глава 56

Der Wissende redet nicht; der Redende weiss nicht. — »Sein' Ausgänge schliesst er, Macht zu seine Pforten, Er bricht seine Schärfe, Streut aus seine Fülle, Macht milde sein Glänzen, Wird eins seinem Staube«. — Das heisst tiefes Einswerden. — Darum ist er unzugänglich für Anfreundung, unzugänglich für Entfremdung, unzugänglich für Vortheil, unzugänglich für Schaden, unzugänglich für Ehre, unzugänglich für Schmach. Drum wird er von aller Welt geehrt.

Глава 57

Mit Redlichkeit regiert man das Land, mit Arglist braucht man Waffen, mit Ungeschäftigkeit gewinnt man das Reich. Woher weiss ich, dass dem also? Daher: Je mehr Verbote und Beschränkungen das Reich hat, desto mehr verarmt das Volk; je mehr scharf Geräth das Volk hat, desto mehr wird das Land beunruhigt; je mehr Kunstfertigkeit das Volk hat, desto wunderlichere Dinge kommen auf; je mehr Gesetze und Verordnungen kundgemacht werden, desto mehr Diebe und Räuber giebt es. Drum sagt der heilige Mensch: Ich bin ohne Thun, und das Volk bessert sich von selbst; ich liebe Ruhe, und das Volk wird von selbst redlich; ich bin ohne Geschäftigkeit, und das Volk wird von selbst reich; ich bin ohne Begierden, und das Volk wird von selbst einfach.

Глава 58

Wess Regierung recht trübselig, dessen Volk kommt recht empor; wess Regierung recht durchspähend, dessen Volk verfällt erst recht. Unglück, — das Glück beruht auf ihn! Glück, — das Unglück liegt unter ihm! Wer kennt ihren Ausgang? — Ist Jener nicht redlich, so werden die Redlichen zu Schelmen, die Guten werden zu Heuchlern. Des Volkes Verblendung, — ihr Tag währt lange! Daher der heilige Mensch gerecht ist und nicht verletzend, bieder und nicht beleidigend, ehrlich und nicht willkürlich, leuchtend und nicht blendend.

Глава 59

Regiert man die Menschen und dient dem Himmel, so gleicht nichts der Sparsamkeit. Nur das Sparen, das heisst zeitig Vorsorgen. Zeitig Vorsorgen heisst Wolthaten reichlich aufhäufen. Häuft man reichlich Wolthaten, dann ist nichts unüberwindlich. Ist Einem nichts unüberwindlich, so weiss Keiner sein Äusserstes. Weiss Keiner sein Äusserstes, so kann er das Land haben. Hat er des Landes Mutter, so kann er lange dauern. Das heisst tiefe Gründung, feste Wurzel; langen Lebens, dauernden Bestehens Weg.

Глава 60

Man regiere ein gross Land, wie man kleine Fische kocht. Waltet man mit Tao des Reichs, so geisten seine Manen nicht. Wenn nicht seine Manen nicht geisten, so verletzt ihr Geisten die Menschen nicht. Wenn nicht ihr Geisten die Menschen nicht verletzt, so verletzt doch der heilige Mensch die Menschen nicht. Sie beide verletzen miteinander nicht, denn die Tugend verbindet und eint sie.

Глава 61

Ein gross Land, dass sich herunterlässt, ist des Reiches Band, des Reiches Weib. Das Weib überwindet immerdar mit Ruhe den Mann; mit Ruhe ist es unterthan. Drum ein gross Land, ist es unterthan dem kleinen Lande, dann gewinnt es das kleine Land; ein klein Land, ist es unterthan dem grossen Lande, dann gewinnt es das grosse Land. Drum etliche sind unterthan um zu gewinnen, etliche unterthan um gewonnen zu werden. Ein gross Land überschreite nicht den Wunsch, die Menschen zu verbinden und zu weiden; ein klein Land überschreite nicht den Wunsch, einzutreten und den Menschen zu dienen. Erreichen sie beide, jedes was es wünscht, so soll das grosse unterthan seyn.

Глава 62

»Tao ist aller Wesen Bergungsplatz, Guter Menschen höchster Schatz, Unguter Menschen rettender Ersatz«. Anmuthende Worte können erkaufen; ehrenhafter Wandel kann noch mehr thun. Sind Menschen nicht gut, wie dürfte man sie aufgeben? Darum setzte man einen Kaiser und bestellte drei höchste Räthe. Mag er auch haben, die da Nephrittafeln emporhalten, und vor sich nehmen ein Vierspann Rosse, — so ist es doch besser stillsitzend weiterzukommen in diesem Tao. Warum verehrten die Alten diesen Tao? Nicht, weil er durch täglich Suchen gefunden wird und denen, die Schuld haben, vergiebt? Darum ist er das Köstlichste in aller Welt.

Глава 63

Das Thun sei Nichtthun, das Geschäft Nichtgeschäft, der Genuss Nichtgenuss, das Grosse Kleines, das Viele Weniges. Vergilt Feindschaft mit Wolthun. Unternimm das Schwere in seinem Leichtseyn, thue das Grosse in seinem Kleinseyn; die schwersten Dinge der Welt beginnen ja mit Leichtseyn, die grössten Dinge der Welt beginnen ja mit Kleinseyn. Daher der heilige Mensch niemals das Grosse thut, drum vermag er sein Grosses zu vollenden. Wer leichthin verspricht, hält sicherlich selten. Wem vieles leicht ist, wird sicherlich vieles schwer. Daher der heilige Mensch es wie schwer behandelt, drum lebenslang nichts ihm zu schwer wird.

Глава 64

Das Ruhende wird leicht gehalten, dem noch nicht sich Zeigenden leicht zuvorgekommen, das Zarte leicht gebrochen, das Feine leicht zertheilt. Thue das, wenn es noch nicht daist; walte dessen, wenn es noch nicht in Aufruhr ist. Ein umfangreicher Baum entsteht aus haarfeinem Spross; ein neunstöckiger Thurm erhebt sich aus einem Häuflein Erde; eine Reise von tausend Feldweges beginnt mit einem Schritt. — Wer thut, dem missräth; wer nimmt, der verliert. Daher der heilige Mensch nicht thut, drum ihm nicht missräth, nicht nimmt, drum er nicht verliert. Das Volk, das ein Geschäft vornimmt, ist immer nahe am Vollenden, und es missräth ihm. Sorgt man fürs Ende wie für den Anfang, dann missräth kein Geschäft. Daher der heilige Mensch begehrt nicht zu begehren, und nicht hochschätzt Güter schweren Erwerbes; lernet nicht zu lernen, und umkehrt wo die meisten Menschen übertreten; allen Wesen verhilft zu ihrer Freiheit, und doch nicht wagt zu thun.

Глава 65

Die vor Alters rechte Thäter Tao's waren, klärten damit das Volk nicht auf; sie wollten es damit einfach erhalten. Das Volk ist schwer regieren, wenn es allzuklug ist. Durch die Klugheit das Land regieren, ist des Landes Verderben; nicht durch die Klugheit das Land regieren, ist des Landes Segen. Wer diess Beides weiss, ist auch ein Musterbild. Immerdar sich bewusst seyn des Musterbildes, das heisst tiefe Tugend. Tiefe Tugend ist abgründig, ist unerreichbar, ist mit den Wesen in Widerspruch; dann aber kommt sie zu grosser Nachfolge.

Глава 66

Ströme und Meere, wodurch sie vermögen der hundert Flüsse Könige zu seyn, ist, dass sie gut sich ihnen unterthun. Darum vermögen sie der hundert Flüsse Könige zu seyn. Daher der heilige Mensch, wünscht er über dem Volke zu seyn, muss mit dem Worte sich ihm unterthun; wünscht er dem Volke voranzugehn, muss mit der Person sich ihm nachsetzen. Daher der heilige Mensch oben bleibt und das Volk ist unbeschwert, voran bleibt und das Volk ist unbeschädigt. Daher alle Welt sich freut ihm zu gehorchen und es nicht müde wird. Weil er nicht streitet, drum vermag Keiner in der Welt mit ihm zu streiten.

Глава 67

Alle in der Welt nennen mich gross als Unnachschlachtenden. Man sey nur gross, so erscheint man als Unnachschlachtender. Betreffs Nachschlachtender — lange sind sie da, in ihrer Unbedeutenheit — Meinerseits habe ich drei Schätze, bewahre und schätze sie hoch. Der erste heisst Barmherzigkeit, der zweite heisst Sparsamkeit, der dritte heisst Nicht wagen im Reich vornan zu seyn. Barmherzigkeit, — drum kann ich kühn seyn; Sparsamkeit, — drum kann ich ausgeben; Nicht wagen im Reich vornan zu seyn, — drum kann ich der Begabten Oberster werden. Gegenwärtig verschmäht man Barmherzigkeit, und doch ist man kühn, verschmäht Sparsamkeit, und doch giebt man aus, verschmäht Zurückstehn und doch ist man vornan. Zum Tode —! Ist man barmherzig beim Kämpfen, dann siegt man; beim Vertheidigen, dann widersteht man. Wen der Himmel retten will, den schützt er durch Barmherzigkeit.

Глава 68

Wer tüchtig ist Anführer zu seyn, ist nicht kriegerisch; wer tüchtig ist zu kämpfen, wird nicht zornig; wer tüchtig ist Gegner zu überwinden, streitet nicht; wer tüchtig ist Leute zu gebrauchen, ist ihnen unterthan. Das heisst die Tugend des Nicht-Streitens; das heisst die Kraft Leute zu gebrauchen; das heisst dem Himmel gepaart seyn, — des Alterthums Höchstes.

Глава 69

Ein Kriegserfahrener hat gesagt: »Ich wage nicht den Wirth zu machen, aber ich mache den Gast; ich wage nicht einen Zoll vorzugehn, aber ich weiche einen Fuss zurück«. Das heisst Vorgehn ohne Vorgehn, Zurückwerfen ohne Arme, Nachsetzen ohne Angriff, Gefangennehmen ohne Waffen. Kein grösser Unheil, als leichtfertig angreifen. Leichtfertig angreifen ist nahezu unsern Schatz einbüssen. Denn stossen entgegenstehende Heere aufeinander, so siegt wer barmherzig ist.

Глава 70

Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen, sehr leicht zu befolgen, — Keiner in der Welt vermag sie zu verstehen, Keiner vermag sie zu befolgen. Die Worte haben einen Urheber, die Werke haben einen Gebieter; dieser nur wird nicht verstanden, deshalb werde ich nicht verstanden. Die mich verstehen, sind Wenige; demgemäss werd' ich geschätzt. Daher der heilige Mensch sich kleidet in Wolle und birgt die Juwelen.

Глава 71

Erkennen das Nicht-Erkennen ist das Höchste. Nicht erkennen das Erkennen ist Krankheit. Wen nur die Krankheit kränkt, der ist dadurch nicht-krank. Der heilige Mensch ist nicht krank, weil ihn seine Krankheit kränkt. Daher ist er nicht krank.

Глава 72

Fürchtet das Volk nicht das Furchtbare, dann kommt das Furchtbarste. Keinem sey zu eng seine Wohnung, Keinem zu beschränkt sein Leben! Macht man sichs nur nicht zu beschränkt, dann ists auch nicht zu beschränkt. Daher der heilige Mensch sich selbst erkennt, nicht sich selbst ansiehet; sich selbst liebt, nicht sich selbst hochschätzt. Drum lasset er jenes und ergreift dieses.

Глава 73

Hat man Muth, zu wagen, dann tödtet man; hat man Muth, nicht zu wagen, dann lässt man leben. Diess Beides ist bald nützlich bald schädlich. »Was dem Himmel ist gehass, Wer erkennet, warum das?« Daher der heilige Mensch es für schwer hält. Des Himmels Weise ist: — »Er streitet nicht, und weiss zu überwinden. Er redet nicht, und weiss Antwort zu finden. Er ruft nicht, und man kommt von selbst vor ihn, Langmüthig, weiss er doch herbeizuleiten. Des Himmels Netz fasst weite Weiten, Klafft offen, — und lässt nichts entfliehn.«

Глава 74

Fürchtet das Volk nicht den Tod, wie will man es mit dem Tode schrecken? Wenn man macht, dass das Volk stets den Tod fürchtet, und wir können den, der Schreckliches thut, ergreifen und tödten: wer wagt es? Immerdar giebts einen Blutrichter, der da tödtet. Wenn man anstatt des Blutrichters tödtet, das heisst anstatt des Zimmermanns behauen. Wenn man anstatt des Zimmermanns behauet, bleibt selten die Hand unverwundet.

Глава 75

Das Volk hungert, weil seine Obrigkeit zuviel Abgaben verzehrt. Deshalb hungert es. Das Volk wird schwer regiert, weil seine Obrigkeit zu thun hat. Deshalb wird es schwer regiert. Das Volk achtet den Tod gering, weil es Lebensübermaass verlangt. Deshalb achtet es den Tod gering. Nur wer nichts um des Lebens willen thut, ist weise gegen den, der das Leben hochschätzt.

Глава 76

Der Mensch tritt ins Leben weich und schwach; er stirbt hart und stark. Alle Wesen, Kräuter und Bäume treten ins Leben weich und zart; sie sterben vertrocknet und dürre. Drum: Hart und Stark ist Todesgeselle, Weich und Schwach Lebensgeselle. Daher ein Kriegsheer, ist es stark, dann siegts nicht. Ein Baum, ist er stark, dann ist er geliefert. Stark und Gross bleibt unten, Weich und Schwach bleibt oben.

Глава 77

Des Himmels Verfahren, wie gleicht es dem Bogenspänner! Das Hohe erniedert er, das Untere erhebt er, [das Überflüssige mindert er, das Ungenügende ergänzt er]. Des Himmels Verfahren ist: mindern das Überflüssige und ergänzen das Ungenügende. Des Menschen Verfahrensweise ist nicht also; er mindert das Ungenügende, um es dem Überflüssigen darzubringen. Wer vermag Überflüssiges dem Reiche darzubringen? Nur wer Tao hat. Daher der heilige Mensch thut und nichts draus macht. Verdienstliches vollbringt und nicht dabei verweilt. Er wünscht nicht seine Weisheit sehn zu lassen.

Глава 78

Nichts in der Welt ist weicher und schwächer denn das Wasser, und nichts, was Hartes und Starkes angreift, vermag es zu übertreffen; es hat nichts, wodurch es zu ersetzen wäre. Schwaches überwindet das Starke, Weiches überwindet das Harte. Keinem in der Welt ist es unbekannt, und Keiner vermag es zu üben. Daher der heilige Mensch sagt: »Tragen des Lands Unreinigkeiten, Das heisst voran beim Hirseopfer schreiten. Tragen des Landes Noth und Pein, Das heisst des Reiches Königs seyn.« — Wahre Worte wie umgekehrt.

Глава 79

Versöhnt man grossen Groll, so bleibt sicherlich Groll übrig. Wie kann man gut machen? Daher der heilige Mensch übernimmt den linken Vertrag, und nicht eintreibt vom Andern. Wer Tugend hat, besorgt den Vertrag; wer keine Tugend hat, besorgt das Auszehnten. Des Himmels Tao hat keine Günstlinge, immerdar giebt er dem guten Menschen.

Глава 80

Eines kleinen Landes weniges Volk — mache, dass es das Rüstzeug von zehn Aldermännern habe, und nicht gebrauche; mache, dass das Volk ungern sterbe, und doch nicht in die Ferne auswandere; obgleich es Schiffe und Wagen hat, sie nicht zu besteigen habe; obgleich es Panzer und Waffen hat, sie nicht anzulegen habe; mache, dass das Volk wiederum Schnüre knote, und sie gebrauche: — so ist ihm süss seine Speise, schön seine Kleidung, behaglich seine Wohnung, lieb seine Sitte. Das Nachbarland ist gegenüber zu sehen, der Hühner und Hunde Stimmen sind gegenüber zu hören, und das Volk erreicht Alter und Tod ohne hinübergekommen zu seyn.

Глава 81

Wahre Worte sind nicht angenehm; angenehme Worte nicht wahr. Wer gut ist, redekünstelt nicht; wer redekünstelt, ist nicht gut. Wer erkennt, ist kein Vielwisser; wer Vielwisser ist, erkennt nicht. Der heilige Mensch sammelt nicht an: je mehr er für die Menschen verwendet, desto mehr hat er; je mehr er den Menschen gegeben, desto reicher ist er. Des Himmels Weise ist, wolthun und nicht beschädigen; des heiligen Menschen Weise, thun und nicht streiten.