Reinhold von Plaenckner (1870)
Reinhold von Plaenckner (1820–1884) was a Prussian officer and translator. The son of a colonel, he entered service as a cadet in 1836; by 1870 he was a colonel (Oberst) and district commander in Breslau. He turned to Chinese literature in his mature years.
In 1870 the Leipzig publisher F.A. Brockhaus issued his "Lao-tse Táo-tĕ-king. Der Weg zur Tugend" — the first complete German translation of the Daodejing. Plaenckner translated from the Chinese original, checking against Abel-Rémusat's study of Laozi; he left the word 道 untranslated (Táo), judging that no German word could hold all its meanings.
Plaenckner later translated two Confucian classics: the Daxue ("Die erhabene Wissenschaft", 1875) and the Zhongyong ("Der unwandelbare Seelengrund", 1878).
Plaenckner's translation (1870) is the first complete German rendering of the Daodejing, published shortly before Victor von Strauß's version of the same year. Its subjectivity and loose passages drew criticism from contemporaries, and it was soon eclipsed by Strauß's work, which became the standard for decades.
Plaenckner accompanies each chapter with a commentary ("Bemerkungen"), drawing parallels between Daoist ideas and Plato's Logos, Stoicism, and Christian thought. The text given here is the translation without his commentaries.
Full text of the translation
The text is given in the orthography of the 1870 edition (archaic spellings such as "wol", "thun", "Theil" are preserved). Some characteristic misprints of the original are retained (e.g., "Schos" for "Schoß" in ch. 16, "Gebildetern" in ch. 17), but obvious compositor's errors that hinder reading have been corrected. The word 道 is transliterated as Tao in the book (on the site, for consistency with the title page, the accent is added throughout: Táo).
Chapter 1
Es gibt ein Táo, welches jedermann verständlich gezeigt werden kann, das aber ist nicht das ewige Táo in seiner ganzen Vollkommenheit. Wollte man demselben einen Namen geben, so würde dieser das ewige Táo doch nicht klar bezeichnen.
Dieses unnennbare Táo ist der Schöpfer Himmels und der Erde, das dagegen, welches man für jeden verständlich bezeichnen kann, ist die fort und fort erschaffende Kraft der Natur, die Natur selbst, bildlich die Mutter alles Seienden.
Nur der, welcher ganz von Leidenschaften frei ist, wird im Stande sein, das höchste geistige Wesen zu erfassen; der dagegen, dessen Seele beständig von Leidenschaften getrübt wird, sieht nur das endliche — die Schöpfung.
Beide aber, das Unendliche wie das Endliche, sind desselben Ursprungs, für uns jedoch sehr zu unterscheidende Begriffe. Denn beide sind sie erhaben, jenes aber, das Unendliche, ist nicht nur erhaben, sondern auch unermesslich und der Inbegriff, gleichsam die Ausgangspforte alles Geistigen, die höchste Abstraction.
Chapter 2
Sobald die ganze Welt das Schöne als solches erkannt, so ist auch der Begriff des Hässlichen dadurch gegeben; wenn alle das Gute als solches erkannt haben, so weiss man auch, was seine Negation, das Nichtgute bedeutet. Auf gleiche Weise erzeugt der Begriff des Seienden, des Materiellen, die Negation desselben, den Begriff des Nichtseienden, des Nichtmateriellen, der Abstraction. Denn wie man vom Vergleich des Schweren und Leichten zu dem allgemeinen abstrahirten Begriff der Schwere gelangt, wie die Länge und Kürze die Form, das Oben und Unten den Begriff der räumlichen Differenz, die Töne und ihre Consonanzen die Harmonie, das Frühere und das Spätere die Zeitfolge bilden, so ist es auch denkbar, dass der Weise das Immaterielle wie das Materielle zum Gegenstand seiner Betrachtungen machen kann. Freilich im Denken, nicht in Worten besteht sein Studium, zu allem, was er entstehen lässt, bedarf er nicht der Rede. Was er schafft, das will er vor seinem Geist, nicht vor Augen stehen haben, was er ersinnt, das soll dem Geiste, nicht dem Leibe Stütze sein. Das Vollbringen seiner geistigen Regsamkeit ist das Ideale, nicht das Reale.
Er sammelt nicht weltliche Schätze, sondern geistige, daher unvergängliche.
Chapter 3
Der Philosoph rühmt sich aber deswegen nicht seiner Kenntnisse, damit das Volk nicht auch darüber disputire. Er macht nicht zu viel Wesens von den kostbaren Dingen, die er mit so grossen Schwierigkeiten erlangt, damit das Volk nicht lüstern danach werde, er lässt seine geistigen Schätze nicht als zu wünschenswerth erscheinen, damit das Gemüth des Volkes nicht beunruhigt werde. Denn die weisen Regenten meinen: „Man müsse das Gemüth und den Geist des Menschen leer lassen, dafür aber seinen Bauch füllen, man müsse ihm mehr die Knochen, als die Willenskraft, stärken, man müsse immer dahin streben, dass das Volk in seiner Unwissenheit bleibe, denn dann begehre es auch nicht so viel. Sie sind daher besorgt, dass jene wenigen, die Kenntnissreichen, nicht wagen, damit hervorzutreten! Mögen diese immerhin tiefe Betrachtungen über die übersinnlichen Dinge machen, diese, die das materielle Interesse nicht berühren, sind ja wol keine Regierungsangelegenheit.
Chapter 4
Das Táo ist oben in der Höhe, und wenn man mit ihm in Gemeinschaft treten möchte, so irrt man, geblendet von seinem Glanze, zweifelvoll umher und kann es nicht erreichen.
Aber das Táo ist ja auch hier unten in der Tiefe, und hier tritt es uns an als die schaffende Kraft der Natur, als der Ursprung alles Lebenden, alles Seienden.
Hier verbirgt es sein nur geistiges Wesen, und löst dadurch alle Zweifel, alle Wirren und Verirrungen, hier accommodirt es seinen Himmelsglanz dem Irdischen, hier identificirt es sich dem Erdenstaub.
Und behält es nicht dennoch seine Reinheit, seine Ruhe?! Ist es nicht ewig? Ich wüsste nicht, wer es erschaffen haben sollte, auch hier stellt es sich dar als den Himmelsherrn selbst, wie er war von Ewigkeit (nur in anderer Wesenheit).
Chapter 5
Wie Himmel und Erde, oder das Táo im Himmel und das Táo auf Erden keine parteiischen Zuneigungen haben, sondern alle Wesen mit gleicher Liebe umfassen, so hat auch der Weise keine parteiischen Zuneigungen, sondern er behandelt alle Menschen mit gleicher Liebe und Gerechtigkeit. Die Weltmenschen aber, sind sie nicht dem Dudelsack zu vergleichen, der nichts Besonderes enthält und doch aufgeblasen ist, und je mehr er bewegt wird, desto mehr leeren Schall herauslässt? Wie dieser, machen sie viel schöne Worte und erschöpfen sich damit, es ist ihr Alles.
Besser ist es wol, die rechte Mitte zu halten, d. h. nicht zu viel schöne Worte, dafür mehr Unparteiilichkeit.
Chapter 6
Der Geist der Tiefe (s. IV) ist unsterblich. Er ist es, den man die unergründliche und ewig schaffende Kraft der Natur — die Mutter der Natur nennt. Der Urbeginn dieser unergründlichen schaffenden Kraft, das ist auch der Ursprung — der Erschaffer — Himmels und der Erde. Ewig und unvergänglich ist ihr Schaffen und Erhalten, und trotz ihrem steten Wirken wird sie nie verbraucht und bleibt ewig unversehrt.
Chapter 7
Himmel und Erde sind von ewiger Dauer.
Weshalb können Himmel und Erde ewig dauern?
Weil sie (personificirt) nicht für sich allein leben, darum können und müssen sie von ewiger Dauer sein.
Und ebendas stellt den wahrhaft Weisen so hoch über alle Andern, und lässt ihn so vorzüglich erscheinen, dass er seine Person nicht geltend macht. Nur deshalb wird, wenn er seinen Körper verlässt, sein Ich sich conserviren, sein Ich erhalten bleiben.
Ist es nicht darum, weil er so ganz frei von jener verwerflichen Selbstsucht ist, dass er so vollkommen seinen hohen Endzweck erfüllt?
Chapter 8
Der vollkommene Weise gleicht dem Wasser.
Das Wasser, wie der Weise, nützen allen Menschen, und suchen beide jeden Anstoss zu vermeiden, und dennoch werden die Eigenthümlichkeiten beider von den gemeinen Menschen gehasst.
Da wendet sich der Weise dem Táo, dem ewig Unerforschlichen zu! — Wo er aber auch sei, der Weise, da liebt er den Ort, wo er weilt, und verschönert alles um sich durch seine Gegenwart. Mit seinen Forschungen durchdringt er die Tiefen der Natur. Wenn er gibt, gibt er mit Unparteilichkeit, Milde und Barmherzigkeit, und gibt gern. Wenn er spricht, so ist seine Rede offen, wahr und treu, wenn er befiehlt, so ist er streng gerecht und den Gesetzen gemäss sind seine Anordnungen. Was er auch thue, da zeigt er Befähigung, jede seiner Handlungen ist geschickt, passend und angemessen.
Das alles thut und vollbringt er, nur Streitigkeiten und Debatten liebt er nicht, nie will er seine Meinungen gewaltsam aufdringen; kann ihn deshalb ein Vorwurf treffen?
Chapter 9
Ein volles Glas läuft leicht über.
Ein zu scharf geschliffenes Schwert wird leicht stumpf.
Ein mit Gold und Edelsteinen gefüllter Saal ist schwer zu bewachen.
Wer also bei äusserm Glanz, bei Macht, Ehren und Glücksgütern stolz und übermüthig wird, der trägt selbst die Schuld, wenn er des so Wandelbaren verlustig geht.
Wenn man dagegen durch wahres und vollkommenes Verdienst seinen guten Ruf begründet hat, und dann sein Selbst doch bescheiden zurückstellt, so handelt man gemäss dem himmlischen Táo.
Chapter 10
Vor allem und mit aller geistigen Kraft muss man danach streben, dass das reinere und bessere geistige Selbst — Vernunft und Willenskraft — das weniger gute und weniger reine Begehren so in seine Gewalt bekomme, dass das Selbst ein einiges, harmonisches, untheilbares Ganze werde.
Man muss mit aller Anstrengung, Aufmerksamkeit und Besonnenheit, mit Aufbietung aller moralischen Kraft die höchste Feinheit und Reinheit zu gewinnen suchen, sodass die Seele so klar und rein werde wie die eines neugebornen Kindes.
Wenn man so geläutert ist und alle Schlacken entfernt hat, kann man das Erhabene erschauen, denn man hat keine Gebrechen mehr.
Wer nun mit reiner Seele die Menschheit liebend umfasst und überallhin Segen bringt, der wird das Immaterielle, das geistige Wesen ergründen können.
Er wird die Himmelsthore öffnen und schliessen, er wird die geheimen Werkstätten der Natur belauschen können. Vollständig klar und deutlich blickt der nach allen Seiten hin, dem die Fähigkeit der Erkenntniss des Immateriellen gegeben ist.
Er lässt es entstehen, er verarbeitet es mit dem Verstande.
Er erwirbt es, ohne dadurch positiven Besitz erlangen zu wollen.
Er bildet es, freilich ohne eine materielle Stütze zu erhalten.
Er lässt es entstehen, aber ohne dass er Eigenthümer wird.
Dies nennt man die tiefste Weltweisheit und die sittliche Vollkommenheit.
Chapter 11
Von der Nabe eines Wagenrades gehen eine Menge Speichen aus, und bilden so das Rad, aber fahrbar wird der Wagen nur durch die Höhlung in der Nabe, d. h. durch die Negation des Materiellen.
Man formt zwar die Wände eines Gefässes aus Thon u. dgl., aber verwendbar wird das Gefäss nur durch den leeren innern Raum, d. h. durch die Negation des Materiellen.
Wenn man ein Haus baut, so muss man Thüren und Fenster in die Mauern desselben brechen, um es bewohnbar zu machen, auch hier ist es demnach die Abwesenheit des Stoffes, die Negation des Materiellen, die das Haus erst gebrauchsfähig macht.
Man sieht daraus, dass das Materielle zwar den Besitz einer Sache bedingt, dass diese aber nur durch das Immaterielle zur Verwendung kommen kann.
Chapter 12
Die ganze Scala der Farbentöne in Eins vereint, gibt ein auf das Menschenauge indifferent wirkendes Grau — sie trübt den Blick des Menschen.
Die ganze Tonscala vereint angeschlagen, gibt ein dem Menschenohr widerliches, verworrenes Geräusch — sie trübt das Gehör des Menschen.
Die fünf verschiedenen Geschmacksqualitäten geben zusammen etwas für den subjectiven Geschmack des Menschen Fades — der Geschmack wird getrübt.
Zu tolles Reiten, Laufen, Jagen und alle dergleichen übertriebene Neigungen berauschen und verwildern das Herz des Menschen.
Die Sucht nach schwer zu erwerbenden Kostbarkeiten, die Habsucht, Ehrsucht, Prunksucht machen die Handlungen des Menschen unfrei.
Daher sorgt der Weise dafür, dass seine sinnlichen Vorstellungen geläutert seien; dass er sich fern halte von Sinnenlust, betäubenden Vergnügungen und Begierden, damit sein Blick klar, seine Gefühle rein, sein Urtheil ein freies sei.
Er entfernt sich von jenen — den Sinnlichkeiten, den niedern Gefühlen — und erhebt sich zu diesen — den höhern, den sittlichen, den ästhetischen Gefühlen, und erhält und bewahrt sich so die gesunde Urtheilskraft.
Chapter 13
Gunstbezeigungen, Gnadenbeweise, Macht, Ehren müssen in uns ebenso wol Besorgniss, ein beklemmendes Gefühl, erzeugen, als Schande, Entehrung, Beschämung, Zurücksetzung.
Hohe Würden, hoher Stand muss uns ebenso belästigen und betrüben, wie das Gefühl, dass wir überhaupt einen Körper haben.
Wie kann man wol behaupten, dass Gunstbezeigungen u. s. w. ebenso sehr wie Zurücksetzung u. s. w. das Gefühl der Besorgniss und Beklemmung in uns erregen müssen?
Weil Gunstbezeigungen, Gnadenbeweise, Macht, Ehren irdische Güter sind, daher vergänglich und ungewiss, deshalb kann man mit Recht sagen, dass jene, die Gunstbezeigungen u. s. w., ebenso wol Besorgniss, ein beklemmendes Gefühl in uns erregen müssen, wie die Zurücksetzung u. dgl.
Wie kann man behaupten, hoher Stand, hohe Würde müsse uns ebenso belästigen und betrüben, wie das Gefühl, dass wir überhaupt einen Körper haben?
Weil all unser Gram, unsere Sorge, unsere Betrübniss nur daraus entspringt, dass wir überhaupt einen Körper haben; wenn wir keinen Körper besässen, hätten wir dann irgendwelche Sorge oder Betrübniss?
Darum, wer einen Werth darein setzt, dass er irdischer Natur ist, dem gebe man das Irdische!
Wer Gefallen daran findet, dass er ein Weltkind ist, dem gebe man das Weltliche!
Chapter 14
Wenn du zu ihm aufschauest, so siehst du es nicht, denn es ist unsichtbar.
Wenn du ihm lauschen willst, so hörst du es nicht, denn es ist lautlos.
Wenn du nach ihm fassest, so kannst du es nicht ergreifen, denn es ist unkörperlich, daher unbegreiflich.
Diese drei Eigenschaften, die sich nicht näher definiren lassen, kennzeichnen vereint das Wesen des Einen — des Táo.
Es kann keine Licht-, keine Schattenseite haben, es ist ewig und unvergänglich, und es ist nicht möglich, ein bezeichnendes Bild, einen Namen dafür zu finden.
Wir kommen immer darauf zurück, dass es nur als ein übersinnliches, durchaus immaterielles Wesen gedacht werden kann; denn
Wie könnte man das formen wollen, was keine Form hat, das darstellen wollen, was gestaltlos ist? Es ist das vollendet Geistige!
Trittst du ihm entgegen, so siehst du sein Gesicht nicht, trittst du ihm nach, so siehst du seinen Rücken nicht! —
Wenn man das Táo aber sich so vorstellt, wie es die Alten sich dachten, und wie die Idee auf die Neuzeit sich heranbildete, und so an der Hand der Geschichte und der Erfahrung das Táo von der ersten Idee darüber erfasst, so nennt man dies die Empirie der Táo-Idee.
Chapter 15
Diejenigen, welche in jenen alten Zeiten sich als Táo-Gelehrte und Philosophen auszeichneten, und einen Einblick in das geistig Vollkommene und Erhabene hatten, sprachen davon in so tiefgelehrten Ausdrücken und auf solch räthselhafte Weise, dass sie wol kaum verstanden werden können.
Da nun jene in ihren derartigen Betrachtungen und in ihrer Ausdrucksweise so schwer verständlich sind, so will ich es versuchen, ein Charakterbild von ihnen, und der Art und Weise, wie sie sich ausliessen, zu entwerfen.
Sie waren vorsichtig, wie einer, der im Winter einen Strom überschreitet. So bedenklich und mehrdeutig in ihren Reden, wie einer, der fürchtet, von seinen Nachbarn belauscht zu werden.
So reservirt wie ein Fremdling.
Auf ihre Aussprüche kann man so wenig fussen, wie auf schmelzendes Eis. Kernig, wie die Ureinfachheit selbst, und doch tief wie ein Abgrund und — unklar wie trübes Wasser!
Wie man aber trübes Wasser dadurch, dass man es ruhig stehen und die Trübung sich setzen lässt, klar werden lassen kann, so kann man auch durch Ruhe und Geduld und Zeit ihre wahre Meinung nach und nach klar ans Licht treten lassen. Nur darf man nicht verlangen, dass diese Entschleierung des Táo der Alten etwas ganz Vollkommenes ergebe. Vollkommen waren ihre Ansichten und Betrachtungen keineswegs. Nur eine Idee, eine Annäherung, nicht die vollendetern neuern Ansichten darf man erwarten.
Chapter 16
Um den Begriff des höchsten Geistigen zu erfassen, um zu ihm zu gelangen, müssen wir mit der grössten geistigen Ruhe und Klarheit beobachten, wie alle Wesen entstehen, wachsen, blühen, aber auch wie sie wieder zurückkehren in den Schos der Natur. Wir müssen eingedenk sein, dass von allen den lebenden Wesen jedes wieder zu seinem Ursprung zurückkehrt, jedes wieder in seine Grundelemente sich auflöst.
Dieses Zurückkehren zum Ursprung, dieses Sichauflösen in seine Grundelemente nennt man: „zur Ruhe kommen".
Aber dieser Ruhe folgt immer ein Wiederaufleben, ein Wiedererwachen zu neuem Zweck, zu neuer Bestimmung, zu neuem Leben.
Ein Immer-Wiederkehren, ein stets erneutes Wiederaufleben nennt man Fortdauer. Wer nun weiss, dass eine Fortdauer ist, dem ist alles klar und offenbar und einleuchtend, der ist, mit einem Worte, aufgeklärt.
Wer das nicht einsieht, dass eine Fortdauer existirt, und dass auch er fortdauert, der bereitet sich durch seine Unüberlegtheit, durch seine Unbesonnenheit selbst Unheil. Wer aber einsieht, dass eine Fortdauer ist, der ist sich auch der hohen Bedeutung derselben bewusst.
Wer von der hohen Bedeutung der Fortdauer durchdrungen ist, der ist sicher grossgesinnt, edel, vortrefflich.
Wer gross gesinnt, edel, vortrefflich ist, der hat das Ideal der Menschenwürde erreicht.
Wer das Ideal der Menschenwürde erreicht hat, dem erschloss sich der Himmel.
Wem sich der Himmel erschlossen, der kennt das Táo.
Wer das Táo kennt, der kennt die Ewigkeit; ob auch der Leib vergehe, wir haben nichts zu fürchten.
Chapter 17
Das höchste Wesen! O! die niedern Menschen wissen eben nur, dass es ein solches gibt.
Manch andere allerdings nähern sich ihm, lieben, loben und preisen es. Andere fürchten es. Wieder andere verachten und verspotten es.
Denn wo der Glaube nicht ausreicht, da ist kein Glaube.
Dazu kommt leider noch, dass ihnen die Höhern und Gebildetern selbst sagen: „Euer Verdienst ist vollständig, wenn ihr euerm Berufe nachgeht, euere Geschäfte verrichtet; bleibe jeder bei seinem Stande."
So sagen denn die Menschen gemeiniglich: „Wir haben an uns selbst genug, und für uns selbst genug zu sorgen."
Chapter 18
So wurde denn der Glaube an das erhabene Táo aufgegeben, verachtet, weggeschleudert, und man meinte, es sei dies nur Fürsorge für das Wohl der Menschen, es sei gut und recht. Aber es war nur die Schlauheit und Berechnung der Menschen, die sich da zeigte, es war eine ungeheuere Falschheit, eine ungeheuere Heuchelei.
Ebenso heuchlerisch, als wollte man da von kindlichem Gehorsam, oder von älterlicher Liebe reden, wo alle Familienbande zerrissen sind, als wollte man da von Vasallentreue sprechen, wo sämmtliche Lehnsfürsten abgefallen, wo das ganze Reich in Verwirrung und in Aufruhr ist.
Chapter 19
Reisst euch los von dieser hohen Weisheit, entsagt euerer gewaltigen Klugheit, und das Volk wird hundertmal glücklicher sein.
Reisst euch los von euern Humanitätsprincipien, entsagt euern sogenannten Billigkeitsrücksichten, und das Volk wird zurückkehren zur Pietät und Liebe.
Reisst euch los von diesem blos auf Erwerb gegründeten Schaffen, entsagt euerm Eigennutze, und die Diebe und Räuber werden schwinden.
Entsagt all diesem, und glaubt nicht, dass der Schein ausreicht, glaubt nicht, dass euere Heuchelei, euere Lüge euch nützt.
Ich will euch aber angeben, woran ihr euch halten sollt, auf was ihr fest vertrauen könnt.
Denkt darauf, euch euere Einfachheit, euere Sittenreinheit, euere Aufrichtigkeit und Geradheit zu bewahren; verringert euere Selbstsucht, beherrscht euere Begierden.
Chapter 20
Reisst euch los von euern Doctrinen, und ich will euch befreien von euerer Trübsal, euerm Kummer, sofern ihr nur euere Einwilligung gebt, meine Lehren zu befolgen. Wie ungemein verschieden sind doch beide! So wie das Gute sich verhält zum Schlechten, wie die Schönheit zur Hässlichkeit, so verhält sich meine Lehre zu der eurigen.
Aber ihr seid einmal kleingläubig, und wer kleingläubig ist, der bleibt immer mistrauisch, schüchtern, argwöhnisch, der bleibt auch kleinmüthig, und das Körperlose, das Uebersinnliche zu begreifen und zu würdigen, dazu seid ihr deshalb noch nicht halb reif.
Ja! Gemeinschaftlich, da erfreuen sich die Menschen, wie bei einem grossen Feste, oder wie, wenn man im Frühjahr eine Anhöhe besteigt, die eine weite schöne Aussicht gewährt; aber der auf sich selbst beschränkte Mensch treibt irre umher, wie der Schiffer, der den Hafen sucht, und dem Wind und Wetter noch nicht günstig sind. Er ist wie ein neugeborenes Kind, das noch kein Lächeln für die Mutter hat. Er steuert fort und fort, und weiss nicht, wo er sich hinwenden soll.
In Gemeinschaft da finden die Menschen wol Hülfsmittel, aber der alleinstehende, auf sich beschränkte Mensch hat sie verloren, er ist schwach, blöde, und in seinem Herzen — oh! — da sieht es aus, wie ein unentwirrbares Chaos.
Durch das Zusammenleben werden die Menschen erleuchtet, gebildet, aufgeklärt; der alleinstehende bleibt in Finsterniss.
In Gemeinschaft werden die Menschen denkend, überlegsam; auf das Ich beschränkt, bleiben sie beschränkt, niedergeschlagen, traurig. Verlassen wie ein Nachen auf dem weiten Meer, der dem Wind und den Wellen preisgegeben, treibt solcher umher, und weiss nicht, wo er bleiben, nicht, wo er Ruhe finden soll.
Die Menschen gemeinsam wissen, woran sie sich halten können; der auf sich selbst beschränkte Mensch ist rathlos und steht da gleich einem Geächteten.
Aber dies auf sich allein angewiesene Ich wird ein anderes sein bei den Menschen, die die allgütige, alliebende und alles ernährende Mutter Natur verehren.
Chapter 21
Die ganze geschaffene Natur und ihr Schaffen und Wirken ist nur eine Emanation des Táo. Sie ist das Sichtbarwerden des Táo.
Dieses, obgleich an sich ein rein geistiges Wesen und durchaus immateriell und beides immateriell und geistig in vollendeter Weise, umfasst doch alles Sichtbare, obgleich immateriell und geistig, schuf es doch und sind in ihm alle Wesen.
Unbegreiflich und unsichtbar wohnt aber in ihm ein erhabener Geist.
Dieser Geist ist das höchste und vollkommenste Wesen, denn in ihm ist Wahrheit, Glaube, Zuversicht.
Von Ewigkeit zu Ewigkeit wird sein unendlicher Ruhm nicht aufhören, denn in ihm vereinigt sich das Wahre, Gute und Schöne im höchsten Grad der Vollendung.
Wie aber kann ich wissen, dass das Schöne, Wahre und Gute in vollkommenster Weise sich in ihm vereinigt?
Das weiss ich von ihm selbst, dem Táo!
Chapter 22
(Denn durch diesen Geist) da wird das Unvollkommene vervollkommnet, vollendet, erfüllet, den Gebeugten, er richtet ihn auf, den Schwachen stärkt, den Fehlenden bessert er, sowie er die öden Thäler, Gewässer neu belebt und füllt, wie er dem Zerfallenden und Heimgehenden neues Leben, neuen Odem, neue Frische gibt.
Nur wenige aber begreifen das, die meisten sind von Wahn verblendet.
Der Weise aber fasst das Táo und umfängt es in seiner Totalität, in seiner Einheit, und stellt es der Welt dar als leuchtendes Vorbild.
Denn ob man es auch nicht sieht, so leuchtet es uns doch überall klar entgegen.
Ob es auch nicht dasteht vor unsern Augen als es selbst, so gibt es sich doch zu erkennen durch seine Manifestationen.
Zwar rühmt es sich nicht seiner Werke, aber seine Werke rühmen es.
Zwar zeigt es sich nicht in seiner Erhabenheit, aber seine Erhabenheit übertrifft alles.
Darüber kann nun kein Streit sein, wie könnte die Welt wol darüber streiten wollen?
Aber die Worte, die schon bei den Alten sich aufgezeichnet finden:
„Was unvollkommen ist, das wird er vollenden“, sind keine hohlen, nichtssagenden Worte. Nein, wir werden in Wahrheit die Vollendung im Licht erschauen, wenn wir eingehen, wenn wir zurückkehren zu ihm.
Chapter 23
Ein paar Gleichnisse sollen dazu dienen, das Weitere verständlich zu machen.
Ein heftiger Wind weht nie einen ganzen Morgen.
Ein starker Regen strömt nie den ganzen Tag lang.
Wer verursacht dies? Der Himmel und die Erde.
Wenn nun der Himmel und die Erde, die so viel erhabener sind als der Mensch, nicht im Stande sind, etwas Dauerndes zu schaffen, wie viel weniger doch der Mensch allein? Deshalb in allem, was ihr thut, folgt dem Táo, wer aber dem Táo folgt, mit dem ist das Táo, wie die Tugend mit dem ist, der der Tugend folgt, das Laster mit dem, der dem Laster folgt.
Mit wem aber das Táo ist, der hat das Táo, wie der, mit dem die Tugend ist, die Tugend hat, d. h. tugendhaft ist; wie der, mit dem das Laster ist, das Laster hat, d. h. lasterhaft ist.
Wo aber der Glaube nicht ausreicht, da ist kein Glaube.
Chapter 24
Wer sich auf den Fussspitzen in die Höhe reckt, wird nicht aufrecht stehen bleiben können.
Wer sich über andere erhebt, wer stolz und übermüthig ist, wird nie gerade und vortrefflich handeln.
Wer nur sich selbst betrachtet, wird keinen klaren Blick für anderes haben.
Wer nur auf sich selbst bedacht ist, wird nichts Kluges zu Tage fördern.
Wer zu sehr von sich eingenommen ist, hat wenig Verdienst um die Welt.
Wer sich selbst rühmt, steht andern nach. —
Wie verhält sich ein solcher zum Táo?
Man möchte behaupten, wie die elenden Brosamen zur vollen, kräftigen, gesunden Speise, wie ein scheusslicher Krüppel zum wohlgewachsenen, ungeschwächten, gerade aufgerichteten Mann.
Müssen nicht alle den Selbstsüchtigen, Hoffärtigen, Stolzen, Uebermüthigen hassen und verabscheuen?
Wer aber das Táo ehrt und ihm folgt, mit dem wird's nicht so sein.
Chapter 25
Es existirt ein das All erfüllendes, durchaus vollkommenes Wesen, das früher war denn der Himmel und die Erde. Es existirt da in erhabener Stille, es ist ewig und unveränderlich, und ohne Anstoss dringt es überall hin, ist überall da.
Man möchte es als den Schöpfer der Welt ansehen. Seinen Namen weiss ich nicht, ich nenne es am liebsten das Táo; soll ich diesem eine bezeichnende Eigenschaft beilegen, so würde es die der höchsten Erhabenheit sein.
Ja erhaben ist das Wesen, um das sich das All und alles im All bewegt, als solches muss es ewig sein, und wie es ewig ist, ist es folglich auch allgegenwärtig.
Ja das Táo ist erhaben, erhaben ist auch der Himmel, erhaben die Erde, erhaben ist auch das Ideal des Menschen. So sind denn vier erhabene Wesen im Universum, und das Ideal des Menschen ist ohne Zweifel eins derselben.
Denn der Mensch stammt von der Erde, die Erde stammt vom Himmel, der Himmel stammt vom Táo. — Und das Táo stammt ohne Frage allein aus sich selbst.
Chapter 26
Der würdevolle Ernst ist somit tief begründet, und hat eine solidere Grundlage als der Leichtsinn.
Der geistig Ruhige und Gelassene ist Herr seiner selbst, was mit dem leidenschaftlich Erregten nicht der Fall ist.
Ein Weiser wird es daher sein angelegentlichstes und sein dauerndes Streben sein lassen, seine gehaltvolle Würde nicht zu verlieren, und — ob er auch mit den tiefsinnigsten und schwierigsten Dingen beschäftigt ist, so bewahrt er sich doch seine Ruhe, seine Besonnenheit, seine Klarheit.
Wie aber ist es jetzt, wenn einer, der über viele gesetzt ist, wenn ein Fürst, wenn der Herrscher in seinem Reiche leichtsinnig ist?
Ist er leichtsinnig, so verdirbt er seine Unterthanen; ist er leidenschaftlich, so geht er selbst zu Grunde.
Chapter 27
Wer sich gut zu bewegen versteht, wird keine plumpen Fussspuren hinterlassen.
Wer die Sprache in der Gewalt hat, wird sich keine Fehler der Ausdrucksweise zu Schulden kommen lassen.
Wer zu rechnen versteht, braucht nicht die Rechenmaschine zur Hand zu nehmen.
Wer etwas gut zu verwahren versteht, der braucht nicht Schloss, nicht Riegel, und es wird ihm doch nichts entwendet.
Wer etwas zu fesseln versteht, der braucht nicht Bande, nicht Stricke, und es kann ihm doch nicht gelöst werden. —
Daher wird der Weise, der ja in allem erfahren ist, wenn er den Menschen dienen will, sie so unterstützen, dass er sie zum Heile führt, er wird sie nicht verlassen, er wird sein Werk zu Ende führen; er wird, wenn er sich irgendeines Wesens einmal angenommen, dies nicht dem Verderben preisgeben. Das erst heisst in voller Uebereinstimmung mit seiner Geistesklarheit und Intelligenz sein.
Denn der erfahrene Mann ist ja der Lehrer des Unerfahrenen, und dieser, der Unerfahrene, der sich jenem vertrauensvoll in die Arme geworfen, wird sein ihm anvertrautes Pfand.
Muss nun der Unerfahrene nicht seinen Lehrer hochschätzen? Muss nicht dieser den, der ihm sein Vertrauen geschenkt, lieben und freudig ihm Gutes thun fort und fort?
Oh! wenn er es nicht thäte, so würde man mit Recht von ihm sagen können: „Ob auch alle Weisheit in reichlichem Masse über ihn ausgegossen sei, wir vermissen doch das Wesentlichste an seiner Vollkommenheit.“
Chapter 28
Wer sich seiner vollen Kraft bewusst ist, und sich dennoch seine Demuth und Bescheidenheit bewahrt, der gleicht dem grossen Reichskanal.
Gleichwie der Reichskanal, dem nie das Wasser versiegt, das dem ganzen Reiche Segen bringt, so wird auch ihm die hohe Tugend nie versiegen, und wenn das ist, so wird er zurückkehren in den Zustand der Unschuld eines neugeborenen Kindes.
Wer dieser Seelenreinheit sich bewusst ist, aber damit nicht zu glänzen sucht, der gleicht dem Reichsgesetz.
Gleichwie das Reichsgesetz nicht abirren kann und nicht abirren lässt, so kann und wird auch er ewig nicht abirren vom Pfade der Tugend, und wenn das ist, so wird er dahin gelangen, die Unendlichkeit zu erschauen.
Wer dieser hohen Kenntniss, so tiefen Wissens sich bewusst ist, und rühmt sich dessen nicht, geizt nicht nach Ruhm und äussern Würden, der gleicht einem fruchtbaren Thale im Reiche.
Gleich solchem fruchtbaren Thale, das hinlängliche Schätze birgt, und von der Welt jenseit seiner Berge nichts bedarf, so genügt auch ihm der Besitz der hohen Tugend und Weisheit, und wenn das ist, so wird er zurückkehren zum erhabenen Einfachen und zur Wahrheit.
Diese erhabene Einfachheit, die Wahrheit zertheilte sich, und lieferte alle Stoffe, deren der Weise bedarf, und von denen er sich sein System, gleichsam sein festes Lehrgebäude errichtet hat.
Von hier aus schafft er, lenkt und leitet er die Menschen und verkündet die Lehre, ohne je müde zu werden, dies zu thun.
Chapter 29
Wenn jemand unternehmen wollte die Welt zu schaffen, oder daran zu ändern, so sehen wir ein, dass er mit dem einen wie mit dem andern schwerlich zu Stande kommen würde.
Die Welt ist Gottes Werk, und es lässt sich nicht daran ändern und bessern.
Was aber geschaffen ist, das vergeht wieder, was reif geworden ist, fällt ab.
Daher sehen wir die Wesen bald gehen, bald vergehen, bald athmen, bald ausathmen, bald in voller Kraft, bald hinfällig, bald sich entwickelnd zu Knospe, Blüte und Frucht, bald überreif sich auflösend.
Der Weise wendet sich daher ab von Anmassung, er weiss, dass er keine Wunder thun, dass er nicht eingreifen kann in die ewigen Naturgesetze, er verabscheut dergleichen Uebertreibungen.
Chapter 30
Derjenige, welcher unter dem Beistand des Táo die Menschen beherrschen will, braucht keine Armeen, um das Reich zu bewältigen. Seine Sache ist das Friedenswerk, die Liebe, der gütliche Vergleich, seine Lehren sind es, mit denen er entstandene Zwistigkeiten schlichtet. Ist dem nicht so?
Auf grosse und langwierige Kriege müssen nothwendig Jahre des Unheils und Elends folgen. Das Prototyp eines erfahrenen und tüchtigen Feldherrn wird daher einen entscheidenden kräftigen Schlag führen und dann den Krieg endigen. Aber er wird sich keine rohen Gewaltthätigkeiten zu Schulden kommen lassen.
Er wird kühn und muthig den Feind schlagen, aber sich nicht brüsten.
Er wird den Feind schlagen, aber nicht prahlen, er wird kühn und entschieden den Feind schlagen, aber sich nicht überheben.
Er wird entscheidend schlagen, den Widerstand vernichten, aber er wird den Krieg überhaupt erst dann beginnen, wenn er nicht anders kann.
Er wird den Feind entscheidend schlagen, aber er wird keine rohen Gewalthätigkeiten ausüben.
Die Unbewaffneten oder die Besiegten gewaltthätig und grausam zu behandeln, dieser Gebrauch ist veraltet, und man darf behaupten, nicht dem Táo entsprechend. Was aber dem Táo nicht entspricht, dem muss bald ein Ende gemacht werden.
Chapter 31
Wenn auch gute Waffen nicht des Friedens Instrumente sind, nicht für Werkzeuge des Heils und Segens gelten, so sind doch die Menschen verblendet, die sie hassen und pflichtet daher der, welcher das Táo kennt, solchem Hasse keineswegs bei.
In Friedenszeiten schätzt der Weise die Waffe, ob sie auch ruhig an seiner Linken hänge, weil er weiss, dass er sie einst gut gebrauchen kann, und wahrlich, wenn er sie brauchen muss, so weiss er sie auch mit der Rechten zu führen.
Ja! Die Waffen sind allerdings keine Friedensinstrumente, die Waffe ist nicht das eigentliche Instrument des Weisen, aber wenn es sein muss, so weiss er sie zu gebrauchen, denn in ruhigen Zeiten, wie in bewegten, immer steht er hoch da, überall ist er gross, edel, vorzüglich.
Er überwältigt den Feind, aber er gibt sich keiner übermüthigen Freude ob seines Sieges hin; eine solche Freude kann wol nur der Rohe haben, den das Tödten von Menschen ergötzt. Solche aber, denen das Tödten von Menschen Ergötzen verschafft, sollten wahrhaftig nicht im Reiche geduldet werden.
Bei Freudenfesten ist der Ehrenplatz auf der linken Seite, bei Trauerfeierlichkeiten auf der rechten.
Ein roher, gefühlloser Feldherr wird daher seinen Platz zur Linken nehmen, ein edler, vollkommener zur Rechten; ich meine, wenn ein solcher dem Leichenbegängniss der Gefallenen beiwohnt (denn für jenen ist's ein Freudenfest, aber) dieser wird so vielen zugleich getödteten Menschen gewiss eine stille Thräne des Mitleids und der Trauer nachweinen, und wenn er eine Schlacht geschlagen, wenn er den Feind niedergeworfen, so wird er nicht versäumen, der feierlichen Bestattung der Gefallenen beizuwohnen.
Chapter 32
Das Táo ist ewig und kann nicht genannt werden.
Aber ihm mit Aufrichtigkeit und Wahrheit angehören, das ist so wenig verlangt, und dennoch wagen die Weltmenschen nicht, ihm ganz sich hinzugeben.
Oh, wenn doch die Fürsten und Könige es bewahren wollten, dann würden ihnen alle folgen und von selbst sich ihm ergeben.
Dann würde sich der Himmel der Erde aufs neue verbinden, und einen lieblich befruchtenden Thau niederträufeln lassen auf diese.
Dann würde das Volk seine Gesetze und Verbote selbst festsetzen können, denn es wüsste von selbst, was recht und gerecht sei.
Wenn das Táo auf Erden zu herrschen anfinge, dann würde man auch einen Namen dafür finden. Ob es wol jemals einen Namen tragen wird, und ob man in der Folge dann wol auch verstehen wird, denselben aufrecht zu erhalten und zu befestigen? Das heisst, ob man das Táo sich so zu bewahren verstehen wird, dass es nicht Gefahr laufe wieder aus den Herzen der Menschen verdrängt zu werden.
Soll ich die jetzigen beschränkten Ansichten der Menschen mit denen vergleichen, die stattfinden würden, wenn das Táo der Erdenwelt angehören würde, so würde es sein wie ein Giessbach, der in das Thal hinabfliesst, verglichen dem gewaltigen Strom, der ins Meer rollt.
Chapter 33
Wer den Menschen kennt, ist klug, wer sich selbst kennt, erleuchtet.
Wer andere besiegt, hat Heldenkraft, wer sich selbst besiegt, Seelenstärke.
Wer es versteht, sich genügen zu lassen, ist reich, wer energisch handelt, hat Willenskraft.
Wer sein Ich nicht verliert, dauert fort, er stirbt, aber er vergeht nicht, er hat das ewige Leben gewonnen.
Chapter 34
Weithin breitet sich das erhabene Táo aus, nach links wie nach rechts; alles, was da ist, besteht nur durch dasselbe; alles, was da lebt, lebt durch das Táo, und alles, was wir wünschen, erhalten wir nur durch das Táo. Es hat alles wohl eingerichtet, doch hat es keinen Namen.
Es liebt alle Wesen und sorgt für alle, aber es will nicht ihr Herr und Gebieter sein. Es ist ewig, und hat kein irdisches Verlangen.
Man kann es daher wol einfach nennen.
Wie aber? Vereinigt sich nicht alles, was da lebt in ihm, und ist ihm unterthänig?
Freilich wohl, aber dennoch will es nicht als Gebieter angesehen sein.
Daher wollen wir es erhaben über alles nennen.
So ist auch des Weisen Endzweck nicht, gross und erhaben zu erscheinen; weil er aber vollkommen ist und alles weise einrichtet, ist er erhaben.
Chapter 35
Wenn das erhabene Bild des Táo im Herzen der Menschen bewahrt würde, so würde sich die Welt ändern.
Ja, sie würde durchaus anders werden, aber nicht zu ihrem Nachtheil; ewige Ruhe, Eintracht, Friede würde herrschen. —
Freilich durch Musik, Freudenfeste, lockende Speisen sucht ein schlauer Wirth die vorbeipassirenden Fremden zum Anhalten und Einkehren zu bewegen, und was ich euch vom Táo gesagt, ist euch wol nicht würzhaft genug? Es ist nicht nach euerm Geschmack?
Ja! euer Sehen genügt allerdings nicht, um es zu erschauen,
Euer Hinhorchen nicht, um es zu vernehmen.
Und wenn ihr glauben solltet, einen materiellen Nutzen davon ziehen zu können, so ist das vollends unmöglich.
Chapter 36
Sobald man aber den göttlichen Hauch eingeathmet, so breitet er sich sicher in uns aus und nimmt uns ganz ein, und dann stärkt er den Schwachen, stützt den Verlassenen, leitet den Verirrten wieder aufrichtend auf den rechten Weg.
Dies nennt man die geistige Verklärung, bei welcher unser reineres, besseres Selbst die Oberhand über den gröbern Theil unsers Seins gewinnt, und wobei die unsichtbare Seele den materiellen Theil unsers Selbst, den Körper, in der Gewalt hat.
So wenig man aber vermag den Fisch aus seinem Elemente, der Tiefe, zu ziehen, sowenig sind oft die besten Massregeln und die schärfsten Institutionen des Reichs, selbst Waffengewalt und das Richtschwert nicht im Stande, die Menschen zu überzeugen, zu belehren, zu warnen und zu bessern.
Chapter 37
Das Táo ist zwar ewig die höchste Abstraction, der vollkommenste geistige Begriff, und dennoch giebt es nichts Seiendes, nichts Materielles, was nicht durch dasselbe entstanden wäre.
O, wenn doch nur die Könige und Fürsten das bedenken und es bewahren und hüten wollten, dann würde alles Lebende sich von selbst dazu bekehren, das Materielle verlassen und sich dem Geistigen zuwenden. Wenn die Menschen das thäten, so würden sie ohnfehlbar eifrig bemüht sein, sich moralisch mehr zu heben und zu bessern, dann würden sie einzig und allein mit dem ewig Namenlosen in den richtigen Schranken erhalten.
Ja, wenn sie dem ewig Namenlosen aufrichtig ergeben wären, dann würden die Begierden, die Sinnlichkeiten, die Laster schwinden, und wenn dann alle Welt sündenrein wäre, dann würde die Gesetzlichkeit sich in der Welt von selbst aufrecht erhalten.
Chapter 38
Die mit dem Táo, mit dem Gedanken und dem Glauben an die Vorsehung verbundene Tugend ist nicht die Tugend im weltlichen Sinne, d. h. sie ist eine weit höher stehende Tugend. Die weltliche Tugend ist nicht ein Abirren von jener, sondern eine nicht mit jener zu vergleichende Tugend.
Die mit dem Glauben an die Vorsehung verbundene Tugend ist rein geistiger Natur und hat nichts mit dem Weltlichen zu schaffen, die weltliche Tugend ist irdischer Natur und steht daher mit dem Irdischen in Connex.
Die mit dem Glauben an die Vorsehung, mit dem Táo verbundene Menschenliebe hat es mit dem Weltlichen, weil mit den Menschen zu thun, aber ihr Ursprung ist himmlisch.
Die mit dem Glauben an die Vorsehung, mit dem Táo verbundene Gerechtigkeit entstammt der Erde und hat es mit dem Irdischen zu thun.
Die mit dem Glauben an die Vorsehung, mit dem Táo verbundene Wohlanständigkeit und Höflichkeit ist so rein irdischer Natur, dass es sich vielleicht nicht schickt, sie mit diesem, dem Táo in Verbindung zu bringen, weil man sie so leicht auch vollständig frei und ohne jenes Táo ausüben, und sogar auch im schlechten Sinne ausüben kann; denn man sieht ja überhaupt wol nach dem Vorhergehenden ein, dass man des Táo uneingedenk sein und doch noch in gewisser, in irdischer Beziehung tugendhaft leben kann, dass man, auch nachdem man vom Tugendweg abgewichen, doch dann noch Menschenliebe üben kann, dass man auch die Liebe zu den Menschen verlieren und dann doch noch gerecht sein kann, und dass man endlich die Gerechtigkeit aufgeben und dann doch noch die äussern Formen der Höflichkeit und Wohlanständigkeit bewahren kann.
Wer aber jene Höflichkeit und Wohlanständigkeit ausübt, der hat damit nur die äussere Hülle der Rechtschaffenheit und Redlichkeit; unter der sich ebenso gut List, Falschheit und alle möglichen Leidenschaften verbergen können.
Aber auch im besten Falle weiss doch jeder lange, dass die äussern Formen des Anstandes, der Höflichkeit und ein gesittetes Benehmen nur des Táo's Blüte, nur der Vortrefflichkeit erster Keim sind.
Ein wahrhaft rechtschaffener, gerader, offener Mann bewahrt sich aber lieber den Kern als die Hülse, lieber die Frucht als die Blüte, er gibt daher, wenn er wählen muss, eher die äussere Form auf, ehe er das Táo verlassen sollte.
Chapter 39
Die Wesen, welchen von allem Anfang her das Eine, — das grosse, unendliche Táo wurde, sind die folgenden:
Der Himmel erhielt das Táo und dadurch seine vollkommene Reinheit und Klarheit.
Die Erde erhielt das Táo und dadurch ihre heilige Ruhe und friedliche Stille.
Des Menschen Geist erhielt das Táo und dadurch seine göttliche Kraft und Weisheit.
Die Gefilde und Thäler erhielten das Táo und dadurch ihre Fülle und Fruchtbarkeit.
Alles, was da lebt auf Erden, erhielt das Táo und eben dadurch gemeinsames Leben.
Die Fürsten und Könige erhielten das Táo, dadurch wurden sie zu leuchtenden Vorbildern für die Menschheit.
Ja, alles erhielten jene nur durch das Táo!
Wenn der Himmel nicht durch das Táo seine Reinheit und Klarheit hätte, dann würde er wol bald in Trümmer zerfallen.
Wenn die Erde nicht ihre heilige Ruhe, ihre friedliche Stille durch das Táo hätte, würde sie bald aus dieser herausgerissen werden.
Wenn des Menschen Geist nicht durch das Táo seine göttliche Kraft und Weisheit hätte, würden Kraft und Weisheit ihn dann noch beleben können?
Wenn die Gefilde und Thäler nicht durch das Táo ihre Fülle und Fruchtbarkeit hätten, würden Fülle und Fruchtbarkeit sich nicht erschöpfen, nicht versiegen, würden Gefilde und Thäler nicht vertrocknet und öde sein?
Wenn alles, was da lebt, nicht durch das Táo Leben hätte, würde nicht alles Leben zerstört sein, würde nicht alles vergehen?
Wenn die Fürsten und Könige, auf ihre eigene Würde bauend, vermeinten, durch sich selbst, nicht durch das Táo zu leuchtenden Vorbildern der Menschheit erhoben zu sein, würden sie nicht bald von ihrer Höhe herabstürzen und zurücksinken in die Schicht des niedern Volkes, in welchem ja ihre Majestät wurzelt, welches ja das Fundament ihrer Höhe ist?
Daher kommt es denn auch, dass die Fürsten und Könige sich selbst in bescheidener Weise Unvollkommene, Männer von geringem, von nicht eigenem Verdienst nennen, weil sie eingedenk sind, dass sie aus der Mitte des Volkes, wie die Blüte aus der Wurzel, entsprossen sind! Und ist dem nicht so?
Daher kommt es denn auch, dass unter der grossen Zahl von Fürsten nur sehr wenige im vollen Sinne des Wortes das Ideal erreichen, dem sie zustreben sollen, denn man wolle doch nicht alle Steine, die aussehen wie der Jaspis, für solchen halten, noch auch alle, die ihm nicht gleichen, für gewöhnliche Feldsteine ansehen.
Chapter 40
So ist denn alles, was entsteht und vergeht, und wieder auflebt, alles, was da war, ist und sein wird, nur durch das Táo, und alle geistige Vermittelung geschieht durch das Táo.
Und sehen wir auch die Dinge auf dieser Erde auf physische Weise entstehen, und sie auch sichtbar, körperlich da, wenn sie sind, so ist doch alles, was da ist, alles Materielle durch das ewig Immaterielle, durch das Táo von Anfang her entstanden.
Chapter 41
Wenn ein Gebildeter, der zugleich von edelm Charakter ist, vom Táo hört, so strengt er alle seine Kräfte an, es kennen zu lernen, es womöglich zu durchschauen, und handelt dann dem entsprechend.
Wenn Gebildete, die von indifferentem Charakter, weder gut noch schlecht sind, vom Táo vernehmen, so forschen sie auch wol danach, aber mit so wenig regem Eifer, dass es ihnen gleich ist, ob sie es durchschauen oder nicht, ob sie es erhalten oder verlieren.
Wenn endlich solche, die sich zwar auch zu den Gebildeten rechnen, die aber von niederm, gemeinem Charakter sind, vom Táo hören, so spotten sie darüber.
Wenn diese Rotte nicht darüber spottete, so würde das hohe, herrliche Táo dieses, d. h. hoch und herrlich nicht sein, denn diese Menschen kehren das Oberste zu unterst, würdigen das Herrliche herab, und meinen doch, sie haben allein das Richtige gefunden.
Aber ich frage, wie ist es möglich, das Táo klar zu erschauen und doch perfide zu sein, — vorzuschreiten in der Erkenntniss des Táo, und zurückzugehen in der Moral, oder umgekehrt, wie kann man das Táo verachten und dabei gut und rechtschaffen sein?
Wie kann man die himmlische Tugend hochpreisen, und doch die himmlische Tugend verspotten; die Reinheit des Erhabenen erkennen, und es entehren; die Tugend verherrlichen, und nicht selbst zu ihr heranreichen; andere zur Tugend ermuntern, und dabei selbst rauben und stehlen; das Wahre und Rechte erkennen, dabei aber niedrig, verächtlich, schändlich sein?
O! das erhabene Táo ist unendlich wie der grenzenlose Raum. Die Ergründung des Erhabenen gleicht einem Bau, an dessen Vollendung fort und fort bis in die fernsten Zeiten gearbeitet werden wird. Das Erhabene ist eine Stimme, die nur selten vernommen wird, und nach deren Klang sich der Weise doch unendlich sehnt, das Erhabene ist ein Bild, das keine Umrisse hat.
Ja das Táo ist unsichtbar und kann nicht sichtbar dargestellt, nicht durch einen Namen bezeichnet werden.
Nur jenem, der mit ganzer Seele seine Schönheit und Erhabenheit zu erforschen strebt, dem theilt es reichlich mit, den überschüttet es mit seinen Wohlthaten, den erfüllt es ganz.
Chapter 42
Das Táo schuf das Eine (d. h. der Wille wurde zur That, zur Manifestation nach aussen).
Das Eine schuf die Zwei (d. i. den Himmel, das männliche Princip, und die Erde oder das weibliche Princip).
Diese Zwei erzeugten das Dritte (die Natur) — und
Dies Dritte erzeugte alles, was da lebt, vor allen den Menschen.
Der Menschennatur aber angemessen ist es, das Weibliche, die Erde, zu verlassen und dem Männlichen, dem Himmel, zuzustreben, dessen göttlicher Odem ja alles belebte und die Harmonie des Alls hervorrief.
Die gewöhnlichen Menschen jedoch schämen sich, Unvollkommene, Männer von geringem, namentlich von nicht eigenem Verdienst zu heissen, und dennoch geben sich gerade Könige, wenn sie im idealen Sinne solche, d. h. wenn sie leuchtende Vorbilder für die Menschen sind, eben diese Namen als Würdezeichen.
Man erkennt hieraus, dass die Menschen, welche vom Licht des Táo nicht erleuchtet und schwach in der Moral sind, doch gern vollkommen im Besitz des Táo erscheinen möchten, und dass diejenigen, denen das Licht des Táo vollständig zutheil wurde, und die vollkommen im Guten sind, doch gern eingestehen, dass sie all das Gute und Werthvolle nur den Segnungen des Táo zu verdanken haben, ohne welches sie nichts sein würden.
Was uns so die Menschheit lehrt, das eben lehre auch ich.
Die Segnungen des Táo nämlich, die uns kein Räuber nehmen, der innere Werth, den es uns gibt, den kein Wegelagerer uns zerstören kann, das eben soll der Titel und der Hauptinhalt meines Buches sein.
Chapter 43
So wie wir in der ganzen Welt sehen, dass das Feinere — das Gasförmige und das Flüssige — überall rasch ein- und selbst feste Körper durchdringt, so dringt auch das Immaterielle selbst da ein, wo keine Zwischenräume sind.
Schon darum allein, weil das Körperlose überall und überall ist, ersehen wir, dass es einen grossen nützlichen Zweck haben muss, und obschon sich das schwer durch Worte erklären lässt, dass und wie das Körperlose, das Immaterielle einen Nützlichkeitszweck hat, so hoffe ich doch, dass einstmals die ganze Welt dahin gelangen wird, dies vollkommen einzusehen.
Chapter 44
Was geht uns näher an, unser guter Ruf oder unser Ich, was ist für uns mehr werth, unser Ich oder Reichthümer?
Sind nicht die Folgen der Sünden und Fehler, die wir beim begierigen Erwerb irdischer Güter nur zu leicht begehen, weit schlimmer für unser Seelenheil, als der Verlust unserer gesammelten Schätze?
Denn das ist wol sicher, dass wer zu begierig dem Erwerb irdischer Güter nachgeht, sich nur allzu leicht Ausschweifungen hingibt oder Uebertretungen schuldig macht, und dass das Aufhäufen irdischer Güter ein nur allzu vergänglicher Gewinn ist.
Wer aber versteht, sich genügen zu lassen, der wird nicht in Unruhe und Schande verfallen, wer in allen Dingen mässig zu sein versteht, unterliegt der Versuchung nicht, er wird zwar nicht irdische Güter, aber er wird dafür das ewige Leben erwerben.
Chapter 45
Das hehre Táo ist durchaus vollkommen, — obwol man es nicht sieht, — und keine Zeit kann seinen Werth verringern.
Das erhabene Táo erfüllt so ganz die Welt, — obwol es uns doch so unendlich hoch und fern erscheint, — und keine Zeit kann seiner Allesdurchdringung je eine Grenze setzen.
Die Existenz des Erhabenen ist so ganz unserer Vernunft entsprechend, und dennoch erscheint diese so vielen fraglich.
Die Natur des Erhabenen ist so durchaus kräftig und stark und allmächtig, und doch sieht man das meistens nicht ein.
Es spricht in ganz bestimmter und entschiedener Weise zu uns, und dennoch vernehmen wir's nicht.
Denn seht, durch Rührigkeit ist man wol im Stande sich vor äusserster Armuth zu schützen, durch Ruhe überwindet man wol die gewöhnlichen und alltäglichen Vorkommnisse des Lebens, aber Geistesreinheit verbunden mit Geistesklarheit gehört dazu, um in der Welt das Rechte, das Gute — Schöne — und Wahre, das Vollendete zu erkennen, demgemäss zu handeln, und so ein Prototyp der Menschenwürde zu sein.
Chapter 46
Wenn das Táo hienieden in aller Menschen Herzen wäre, da wahrhaftig würde man nur Pferde für den Ackerbau ziehen.
Da aber das Táo nicht in aller Menschen Herzen ist, so zieht man Kriegspferde zur Verwendung in Feindes Land. —
Gibt es aber wol ein grösseres Unrecht als die Begierde, gibt es ein grösseres Unglück als sich nicht genügen lassen, gibt es ein grösseres Laster als die Habsucht?
Gewiss nur der, der sich stets genügen lässt, ist ewig zufrieden.
Chapter 47
Man kann, ohne aus dem Hause herauszutreten, die Menschen (die Welt) kennen, und ohne aus dem Fenster zu sehen, kann man das himmlische Táo erschauen.
Mancher freilich, ob er auch oft und weit hinausgehe in die Welt, weiss doch von dieser wie vom Táo wenig.
So ist es auch denkbar, dass der Weise, ohne sich zu bewegen, doch bei der Erkenntniss des Táo ankommt, ohne das Táo zu erblicken, doch es rühmen und preisen kann, ohne irgendetwas daran zu deuteln und aus sich selbst hinzuzuthun, es doch vollständig begreifen kann.
Chapter 48
Wenn man sich ernstlich dem Studium hingibt, so wird man täglich seine Kenntnisse vermehren. So auch, wenn man sich der Erforschung des Táo hingibt, wird man die Einsicht in dasselbe täglich mehr und mehr öffnen.
Wir öffnen und forschen immer weiter, bis wir zuletzt das Táo als die höchste Abstraction gefasst haben.
Dieser Begriff, diese höchste Abstraction ist aber keineswegs ein absolut Nichtseiendes.
Kann man wol das All jemals erfassen mit etwas absolut Nichtseiendem?
Da ja das All alles Seiende enthält, so wäre ein Nichtseiendes unmöglich ausreichend, damit das All zu erfassen!
Chapter 49
Das Gemüth des Weisen ist kein gewöhnliches Gemüth, sein Herz schlägt gleichmässig für die ganze Menschheit.
Wer gut und edel ist, dem bin ich auch gut, spricht der Weise, und wer strauchelt und fällt, dem sollte ich nicht gut sein?
Seht, das ist die wahre Herzensgüte, die aus der himmlischen Tugend hervorgeht.
Wer aufrichtig und treu ist, gegen den bin ich auch aufrichtig und treu, spricht der Weise, und wer nicht aufrichtig ist und es nicht offen und ehrlich meint, sollte ich gegen den auch treulos und falsch handeln? Nein!
Seht, das ist die wahre Aufrichtigkeit und Treue, die aus der himmlischen Tugend hervorgeht.
Denn der Weise, der in der Welt lebt, sucht sich auch der Welt zu accommodiren, und sein Herz schlägt gleichmässig für sie, die Welt; darum auch leiht ihm die ganze Menschheit Auge und Ohr, und dafür betrachtet und behandelt der Weise sie, die Menschen alle, alle wie seine eigensten Kinder.
Chapter 50
Alles, was ins irdische Leben eintritt, geht durch den Tod wieder aus demselben heraus.
Soviel Lebensbedingungen daher auch existiren (nämlich dreizehn), soviel sind auch umgekehrt Bedingungen für das Sterben vorhanden (nämlich dreizehn).
Sobald daher der Mensch geboren worden für dieses Leben, so bekümmern ihn auch alsbald jene Todesursachen, jene Bedingungen, unter denen für ihn der irdische Tod eintritt, und deren es ja auch für ihn so viele (dreizehn) gibt.
Er hat mit einem Worte Todesfurcht.
Woher kommt das? — Das kommt daher, weil er, solange er lebt, das irdische Leben zu hoch schätzt, zu sehr an demselben hängt.
Aber ihr habt ja wol auch von denen vernommen, die das Leben auf schöne und edle und in wahrer Weise aufzufassen vermögen?
Wie diese auf allen ihren Lebenswegen jeder Lebensgefahr muthig begegnen, wie sie weder das Rhinoceros, noch den Tiger ängstlich fliehen, wie sie, eingetreten in die Armee, nicht sich verkriechen und nur an Schutz denken, sondern die ersten und ausgezeichnetsten Soldaten sind?
Bei solchen vermag das Rhinoceros mit seinem furchtbaren Hörn keinen Schrecken, der Tiger mit seinen hinterlistigen Krallen kein Entsetzen, und kein Feind vermag mit der Schärfe des Schwertes Furcht zu erwecken.
Woher kommt das nun?
Weil für solche der irdische Tod wie nicht da ist, weil er für sie keine Bedeutung hat.
Chapter 51
Denn sie wissen (s. voriges Kapitel), dass sie im Táo und durch das Táo leben, das ja alles erzeugt hat, sie wissen, dass, wenn sie den Lichtstrahl des Táo in sich aufnehmen, dies die himmlische Tugend ist, welche allein sie vor Irrwegen bewahrt, und welche ihnen geistige Nahrung gibt; sie wissen, dass die Aussenwelt ihnen nur Form und Gestalt leiht, dass sie aber durch die, ihnen durch das Táo gewordenen geistigen Eigenschaften allein zur Vollkommenheit gelangen können.
Darum sollte wol alles, was da lebt, das Táo hochhalten und die himmlische Tugend ehren.
Aber das Táo hat seine Erhabenheit, die Tugend ihren Werth in sich, und wenn daher auch die Welt das Táo nicht ehrt und schätzt, so ist es doch durch den allmächtigen Willen seiner selbst und seit Ewigkeit durch sich selbst und aus sich selbst das unendlich Erhabene.
Ja! Durch das Táo entstehen wir, durch das Táo werden wir ernährt; durch das Táo wachsen wir auf, das Táo leitet uns zum Guten, es vervollkommnet uns darin, es stärkt uns in der Tugend, es lässt uns darin fest werden, und schützt uns auf allen unsern Lebenswegen vor jeglicher Gefahr.
Aber das Táo schuf auch die, die es nicht anerkennen, es bildete auch die, die nicht ihren Halt, ihre Stütze in ihm suchen und finden, es ernährt und erhält auch die, für die sein herrliches, unendliches Walten unerforschlich ist.
Das ist eben seine erhabenste Eigenschaft, seine unendliche Gnade (s. göttliche Tugend).
Chapter 52
Die Erdenwelt hat einen Anfang gehabt, es muss daher auch ein Wesen geben, das sie geschaffen, oder bildlich eine Mutter, die sie geboren hat.
Wenn wir nun die Mutter der Erdenwelt gefunden haben, wenn wir so von ihr wissen, so erkennen wir dadurch, dass auch wir ihre Kinder sind, und wenn wir wissen, dass wir ihre Kinder sind, so begeben wir uns ja nur (wenn wir sterben) unter den Schutz dieser Mutter der Welt zurück, ob dann auch der Leib vergehe, wir haben nichts zu fürchten.
Wenn wir uns nur befestigen im rechten Glauben, im Guten und Rechten, und wenn wir den Glauben fest in uns verwahren, so kann uns das Ende des Erdenlebens keine Qual und Trübsal bereiten; freilich, wenn wir nachlassen im Guten und Rechten, wenn wir nur auf unsern Nutzen und auf unsere irdischen Angelegenheiten bedacht sind, so ist am Ende unseres Lebens nichts für unser Heil gewonnen.
Wenn wir aber das unendlich feine geistige Wesen erkennen, so wird uns alles offenbar werden, bewahren wir uns die Zartheit unserer Empfindungen, so werden wir uns erhoben fühlen, wir werden fort und fort in seinem, des Táo Lichte leben, und wenn wir zurückkehren im Tod, so gehen wir ein zu seiner Herrlichkeit.
Nicht ist das Verlassen des Körpers für uns ein Unglück, sondern in Wahrheit wird es heissen, wir haben das ewige Leben empfangen.
Chapter 53
O, so bleiben wir doch fest im Guten und versuchen wir, das Rechte immer mehr und immer besser kennen zu lernen, dann wahrhaftig sind wir auf dem directen Weg zum erhabenen Táo, es gehört nur noch das dazu, dass wir stets sorgsam auf all unser Thun und Handeln achten.
Das erhabene Táo ist ja so unendlich schön und gross und weit und herrlich, ein erhabener Geist.
Aber das Volk liebt das Zunächstliegende, das Sichtbare, das ihm Offenkundige.
Dem Volk ist daher der kaiserliche Palast das Erhabenste und Herrlichste, was es gibt.
Und die Felder liegen so wüst und müssen bebaut werden, die Scheunen stehen leer und sollen gefüllt werden, oder man hat schöne bunte Kleider auszusuchen und sich zu putzen, oder man hat das Schwert zu führen und zu brauchen, oder man hat für das leibliche Wohl, für Speise und Trank zu sorgen, an Gelage und Gastmähler zu denken, oder man will Reichthümer aufhäufen, dem Mammon fröhnen, und was es dergleichen mehr gibt.
Das aber ist es, was zu Ränken, List und Betrug, zu Raub und Diebstahl einerseits, andererseits zum Grossthun, zur Prahlerei und Anmassung führt, aber doch wahrhaftig nicht zum wahren Táo!
Chapter 54
Wer das Gute, Schöne und Wahre in seinem Herzen wohl begründet hat, dem wird es so leicht nicht wieder entwurzelt werden; wer das Gute und Edle liebend umfasst und hochhält, dem wird es nicht entrissen.
Kinder und Kindeskinder werden sein Andenken ehren und ihn segnen ohn' Unterlass.
Wer nun das Gute und Edle nur für sich allein pflegt, der ist zwar tugendhaft, wer es aber in seinem ganzen Hause, in seiner Familie pflegt, dessen Tugend steht höher.
Wer es pflegt und hegt in seiner ganzen Gemeinde, dessen Tugend hat schon einen grossartigen Charakter.
Wem es vergönnt ist, das Gute und Edle in der ganzen Provinz zu pflegen, dessen Tugend ist weithin segenspendend, und wer es pflegt und hegt im ganzen Reiche, dessen Tugend ist vollkommen.
Die Gründe für diese Behauptungen sind diese:
Wer nur für sich allein gut und edel ist, der sorgt nur für das Heil eines einzigen, für sein Ich; wer dagegen den Edelsinn in seiner Familie weckt, der hat für das Heil des weiten Kreises der Familie gesorgt, wer ihn in der Gemeinde erweckt, der hat ja für das Heil des grossen Kreises der Gemeinde gesorgt u. s. w., wer ihn einer ganzen Provinz mitzutheilen verstand und die Macht dazu hatte, der hat eben einer ganzen Provinz Segen gebracht, und wem endlich die Macht gegeben ist, durch sein Beispiel den Sinn für das Gute, Edle, Wahre und Schöne im ganzen Reiche zu verbreiten, der giesst nach allen Seiten, allüberall hin unendliches Heil aus, und seine Tugend ist vollkommen.
Wie können wir nun erfahren, auf welche Weise wol im ganzen Reiche der Sinn für das Gute, Wahre und Schöne geweckt und gepflegt, und somit die Erkenntniss des Táo eingeführt werden könnte?
Die Antwort hierauf liegt in dem vorher Gesagten!
Chapter 55
Wer die hohe Bedeutung der göttlichen Tugend erfasst hat, sie in sich aufrecht erhält und hochschätzt, der ist dem neugeborenen Kinde vergleichbar. Dies fürchtet nicht den tödlichen Hauch des giftigen Reptils, sucht keinen Schutz gegen die wilden Thiere oder gegen den Raubvogel, der sich auf seine Beute zu stürzen droht.
Obschon seine Knochen schwach, seine Nerven zart sind, greift es doch fest und energisch zu. Dies sowol, als der Umstand, dass an dem Körperchen des Kleinen, der doch noch keinen Begriff von sexueller Vereinigung haben kann, dennoch die vollkommenen Symptome geschlechtlicher Erregung wahrgenommen werden, zeigt ebenso für die Vollkommenheit seiner Organisation, wie der, dass das kleine Kind den ganzen Tag in einem fort schreien kann, ohne heiser zu werden, für die vollendete Harmonie seines Wesens spricht.
Wo immer aber wir ein harmonisches Ganze erkennen, können wir auf Fortdauer, auf Ewigkeit schliessen. Wer sich dieser Fortdauer bewusst ist, sie erkannt hat, ist aufgeklärt.
Nur dem Nutzen, dem materiellen Interesse leben, das freilich gewährt keine Aussicht auf Glückseligkeit, sondern wer seinen Geist ausbildet, wer moralisch kräftig, wer von Gesinnung rein und tüchtig ist, der ist vor andern ausgezeichnet.
Wenn die Geschöpfe zur Blüte, zur vollen Kraft gekommen sind, dann altern sie, das heisst aber, nur das altert an den Geschöpfen, was dem Táo nicht entspricht, das „Nicht-Táo-liche“.
Dieses, das „Nicht-Táo-liche“ hat keinen Bestand, es vergeht bald.
Chapter 56
Wer das nun weiss und erkannt hat, der macht nicht viel schöne Worte darüber, wer viel davon spricht, der weiss es nicht, der ist sich nicht klar.
Jene aber (die es wissen) suchen sich immer mehr zu befestigen in ihrem Glauben, und verwahren diesen fest in ihrem Busen.
Verborgen und geborgen im Herzensschrein ist das Reingeistige; nun lösen sich ihre Zweifel, ihre Wirren und Verwirrungen ganz, und sie sind durchdrungen von der Gewissheit, dass der ewige Lichtstrahl des Táo sich ihnen, dem Staube, assimilirt hat. Das heisst, sie sind wahrhaft Eins geworden mit dem Unerforschlichen.
Mit dem Unerfasslichen, der doch so nahe ihnen ist; dem Unbegreiflichen, der das All durchdringt; dem Unergründlichen, der doch alles beglückt und segnet; dem Unendlichen, der so gewaltig, so unerforschlich und doch so herrlich, unbegreiflich und doch allüberall ist.
Chapter 57
Mit Gerechtigkeit und durch Geradheit wird ein Land am besten regiert. — Für ausserordentliche Vorkommnisse macht man von den Waffen Gebrauch, aber
Durch das Einwirken auf das Immaterielle, auf das Geistige im Menschen gewinnt man die ganze Welt.
Woher wissen wir wol, dass das in der Welt so ist? — Dadurch:
Je mehr das freie Wort und die Handlungen der Menschen im Staate durch Verbote beschränkt sind, desto mehr verarmt das Volk.
Je mehr Waffen ein Volk hat, je händelsüchtiger und ränkevoller werden die kleinen Fürsten.
Je mehr industriöse und mercantilische Schlauheit und Verschlagenheit in einem Volke ist, desto mehr seltsame Dinge und blosse Luxusartikel werden fabricirt.
Je mehr Verbote und Verordnungen herausgegeben werden, je grösser ist die Anzahl der Gaunereien und Diebstähle.
Deshalb sagt ein weiser Regent:
Ich werde das Nichtmaterielle, den Geist ausbilden, so wird das Volk von selbst an seiner Besserung arbeiten.
Ich werde die Liebe zur Geistesreinheit, Geistesklarheit und Gemüthsruhe in meinem Lande erwecken und pflegen, so wird das Volk von selbst gut und brav.
Ich werde das Immaterielle, Geist und Gemüth der Menschen zum Gegenstand meiner Bearbeitung machen, so wird das Volk in jeder Weise für sich selbst sorgen können.
Wenn wir nach dem Immateriellen streben, die Leidenschaften nicht aufkommen lassen, so wird das Volk von selbst zur Einfachheit, Geradheit, Schlichtheit zurückkehren.
Chapter 58
Denn dort, wo die Regierung einfach und selbstgenügsam ist, da ist das Volk stark und wohlhabend und glücklich; aber dort, wo die Regierung übertrieben prunkend und glänzend, stolz und luxuriös ist, da leidet das Volk an allem.
Denn eine glückliche, gute und gerechte Regierung ist die Stütze, Hoffnung und Zuversicht der Armen, Gebeugten, Unglücklichen und Verirrten; andererseits folgen aber auch schlichte, gerade, und vom Glück begünstigte Unterthanen meistens bald den Eingebungen und dem Beispiel einer ungerechten, schwelgerischen, luxuriösen und daher unglücklichen Regierung.
Wer kennt die Tragweite dieses Satzes; zu welchen äussersten Consequenzen führt er? — Ich meine, muss nicht der Regent, der nicht mit Geradheit, Gerechtigkeit und Schlichtheit regiert, die biedern, geraden und schlichten Naturen verderben, sodass sie Abenteurer werden, müssen nicht die Edeln und Guten zur List und Schlauheit und zur kriechenden Schmeichelei verführt werden?
Denn das Volk im allgemeinen ist ja doch moralisch blind, unselbständig und verworren in seinen Begriffen. Ja! So ist es heutzutage, so war es seit Menschengedenken.
Daher wird ein weiser Fürst nur nach Regel und Gesetz regieren, und dieses weder beschneiden, noch wankend machen, er wird mässig sein, frei von Begierden und rein, gerecht und rechtschaffen zu niemands Schaden und Verderben, er wird mit Geradheit und Aufrichtigkeit regieren und nie nach seiner Willkür handeln.
Denn er will leuchten und erleuchten, aber nicht prunken und glänzen.
Chapter 59
Wer die Menschen regieren und dabei dem Himmel dienen will, der kann nichts Besseres thun, als sich diesem eng zu verbinden.
Ja, er braucht nichts weiter zu thun, als sich ihm, dem Himmel eng anzuschliessen. — Das will sagen, er muss bei zeiten streben seine Leidenschaften zu zügeln, dem Himmel zu gehorchen und seinen Geboten zu folgen.
Wer frühzeitig des Himmels Geboten folgt, seine Leidenschaften zu zügeln versteht, der wird mehr und mehr in der Tugend erstarken, und wer dies thut, wer seine Tugend mehr und mehr erstarken lässt, der vermag alles. Da ist nichts, was sich ihm nicht beugte, für den gibt's keine Grenzen, keine Schranken mehr, für den gibt's nichts Unerreichbares. —
Wol kann der ein Land regieren und beglücken, der dem Schöpfer und Erhalter und Regierer aller Reiche nahe ist, der den Unendlichen und sein Wesen erfasst hat, denn von ihm kann man sagen, seine Wurzeln liegen tiefer, als in der uns hindernden Vergänglichkeit. Er wird das ewige Leben haben und ewig mit Bewunderung und Anbetung aufschauen zu ihm — dem Táo!
Chapter 60
Für solch einen Weisen (vor. Kap.) ist die Regierung eines Staates keine grössere Arbeit, als für einen andern etwa das Kochen eines kleinen Fischchens ist, denn das Táo regiert für ihn und übernimmt die Sorge für das Reich. In jenem, dem Tugendhaften, wohnt immerhin nur ein Menschengeist, dieses, das Táo, ist ein erhabener Geist. Fehler und Gebrechen kann nur jener, der Menschengeist, haben, nimmermehr der erhabene Himmelsgeist.
Jener erhabene Himmelsgeist wird nie den Menschen Schaden thun, nur die eigenen Fehler und Sünden der Menschen thun das, der erhabene Himmelsgeist schadet nie den Menschen.
Wenn nun der Weise und Tugendhafte den Menschen ebenfalls nicht wehe thun kann, so werden jene beiden vereint um so weniger jemand schaden, sondern der Verein der erhabenen und göttlichen mit der menschlichen Tugend muss hinführen zum Segen und Heil der Welt. — Nicht?
Chapter 61
Die Fürsten und Grossen des Reichs sollten es verstehen, sich herabzulassen und leutselig zu sein in ihrem Umgang mit dem Volk.
Gleichwie die Harmonie des Weltgebäudes dadurch entstand, dass der Himmel als das höhere, männliche Princip sich herabliess und niederbeugte zum weiblichen, zur Erde, und dieses weibliche Princip durch seine friedliche Ruhe das männliche an sich fesselte, und mit derselben Ruhe ihm doch unterthänig blieb, so sollen auch die Grossen des Reichs sich hinabneigen zu den kleinen Leuten und auf diese Weise ein engeres und innigeres Gesellschaftsband mit diesen im Staate knüpfen.
Ihrerseits sollten aber die kleinen Leute im Staate durch ihre Ergebenheit gegen die Fürsten und Grossen im Staate ebenfalls dazu beitragen, das Gesellschaftsband durch einen solchen Anschluss an die Fürsten und Grossen des Reichs ein festeres und innigeres werden zu lassen, sodass dies Band einerseits durch Herablassung und Leutseligkeit, andererseits durch Ergebenheit ein ebenso dauerndes als festes würde.
Denn die Fürsten und Grossen können im Staate doch nichts Höheres und Besseres erstreben, als ihre Mitmenschen vor Unrecht zu schützen und zu bewahren und für deren Wohl bedacht zu sein, sowie wiederum die kleinen Leute im Reiche nichts Höheres erstreben können, als innerhalb der menschlichen Gesellschaft ihren Nebenmenschen zu dienen.
Wenn nun beide, Hohe und Niedere, gemeinschaftlich nach Einem Ziele hinstreben, so muss dieses, was es immer sei, erreichbar sein.
Dazu gehört aber, wie gesagt, nothwendig, dass zunächst die Grossen leutselig und herablassend sind.
Chapter 62
Für alle Menschen, alle, ist das Táo etwas ungemein Heiliges, Tiefes, die geweihte Stätte, ein heiliges Asyl.
Dem edeln und rechtschaffenen Menschen gilt das Táo als das höchste, kostbarste Heiligthum, und für den sündigen Menschen, da wird es vielleicht in banger Stunde die einzige Hoffnung und Zuversicht, der letzte Rettungsanker sein.
Wohlklingende und schöne Schmeichelworte, die gelten zwar viel im Handel und Wandel, im Geschäftsverkehr, im alltäglichen Leben, aber herrliche, edle Thaten sind es allein, die den Menschen höher stellen und höher heben.
Gibt es Menschen, die das Táo nicht für das Höchste, Erhabenste halten, gibt es welche, die es geringschätzen, verleugnen?
Nun wohl, für solche mag der Kaiser mit den von ihm eingesetzten drei Grosswürdenträgern das Höchste und Erhabenste sein. Für solche mag die Idee der höchsten Pracht und Erhabenheit darin liegen, mit der kostbaren, mit Edelsteinen besetzten Besuchstablette vierspännig zum kaiserlichen Palast zur Cour zu fahren; nichts ist dies doch im Vergleich zu der Kniebeugung vor dem erhabenen Táo, wenn man diesem nahen darf.
Auf welche Weise verehrten denn aber die Alten das Táo, wenn sie ihm nahten? Nicht dadurch wahrhaftig, dass sie durch schöne Worte und heisses Flehen ihren Wunsch zu erkennen gaben, dass sein Licht von selbst über sie kommen möge, sondern nur dadurch, dass sie sich von den Fehlern und Gebrechen, die sie hatten, zu befreien suchten.
Deshalb ist das Táo der Welt Herrlichstes!
Chapter 63
Den Begriff des rein Geistigen in seinem Geiste zu schaffen, die Sache des rein Geistigen zu seiner Sache, seiner Beschäftigung zu machen, und somit den Genuss, den das rein Geistige uns gewährt, voll zu geniessen, das ist das Streben des Weisen.
So schafft er Grosses, obgleich ihm äusserlich nur kleine Hülfsmittel zu Gebote stehen. So schafft er Vieles durch so wenig Aussendinge.
Aber er beschwichtigt die Klagen und Bekümmernisse der Menschen dadurch, dass er die Herzen der Menschen zur Tugend lenkt durch seine Tugend. Er vollbringt das Schwerste dadurch, dass er die Menschheit bessert. Er vollbringt das Grösste durch seine Einfachheit, seine Geradheit, durch seine Geisteskraft.
Sicher ist das Schwerste auf der Welt erreichbar, wenn das Herz der Menschheit sich zum Guten gewendet hat, das Grösste und Erhabenste der Welt wird sicher weniger durch Aussendinge als durch Geisteskraft vollbracht.
Daher ist das höchste Ziel, der Endzweck des Weisen, nicht etwa das Grosse und Erhabene unmittelbar zu schaffen — aber er vermag und kann und will die Menschheit hinführen zum Erfassen des Erhabenen und hierdurch zum Vollbringen und Vollenden des Grossen und Edeln.
Da aber diejenigen, welche so gern allen nach dem Mund reden, nur selten Glauben finden und verdienen, und da das Vorhaben, so viele Menschen zu bekehren und zu veredeln, gewiss sehr schwer ausführbar ist, so verhehlt sich dies der Weise keineswegs.
Aber eben weil er alle Schwierigkeiten anerkennt und voraussieht, lässt er es doch bis ans Ende seines Lebens sein höchstes Streben sein, die Schwierigkeit des Erfassens der reinen höchsten Abstraction zu überwinden.
Chapter 64
Die Gewissensruhigen und Gewissensreinen sind es wol zunächst, bei denen die Worte und Lehren des Weisen vom Táo am ehesten Eingang finden würden, aber leider gibt es deren nicht viele, bei welchen das moralische Besserungswerk begonnen werden könnte, denn die Menschen sind im allgemeinen zu charakterschwach, darum wandelbar und unverlässlich, und jene wenigen Verlassbaren zerstreuen sich zu sehr im grossen Haufen.
Aber der Weise unternimmt sein Werk doch, auch für die, die noch nicht ihm angehören, so auch sorgend und das Táo bewahrend für die, die noch nicht vom rechten Wege abgewichen.
Denn er vergleicht sein Werk mit dem starken schützenden Baume, der ja auch aus dem kleinen, haardünnen Reis emporgewachsen, oder mit einem herrlichen, erhabenen (neun Etagen hohen) Gebäude, das ja auch nur dadurch emporgerichtet wurde, dass der Mörtel Kelle für Kelle aufgetragen wurde, oder mit einer tausend Meilen weiten Reise, die ja auch damit begann, dass zuerst ein Schritt gemacht, ein Fuss niedergesetzt wurde.
Was aber gemacht ist, das zerfällt wieder der Zerstörung, was empfangen wurde, geht wieder verloren. Deshalb schafft der Weise nicht etwas sinnlich Wahrnehmbares, was zerstört werden könnte, er erfasst und verbreitet nur die hohe Bedeutung des höchsten geistigen Wesens, die bleibt ihm unvergänglich.
Das Volk aber hängt nur am Realen, und ewig bleibt es daher der Gefahr ausgesetzt, das, was es begonnen, wenn es vollendet, wieder zerstört zu sehen.
Da man aber sorglich das Ende wie den Anfang bedenken und im Auge behalten muss, so ist demgemäss zunächst nöthig, der Zerstörung nicht unterworfene Dinge zu creiren, d. h. hauptsächlich die Verhütung des Schädlichen zu veranlassen.
Demnach strebt der Weise danach, dass der Mensch seine Begierden beherrsche, nicht dem Luxus fröhne; er lehrt das Nichtdarstellbare, die Abstraction begreifen und sucht die sündige Menschheit wieder zurückzuführen auf den Pfad der Tugend dadurch, dass er ihr mit Wort und Beispiel hilft, dass er sie unterstützt, sie von ihren Fehlern wie von einer Krankheit heilt, sie zum Selbstbewusstsein leitet, sodass die Menschen, durch ihre eigene Einsicht veranlasst, nicht mehr wagen in die frühern Fehler zurückzufallen.
Chapter 65
Die alten Táo-Gelehrten stellten den Grundsatz auf, dass es nicht richtig sei, das Táo durch Aufklärung des Volkes zu verbreiten, sondern man würde dies viel besser dadurch erreichen, dass man das Volk in seiner Unwissenheit belasse; denn ein Volk, das zu viel wisse, sei schwierig zu regieren, wolle man daher durch Intelligenz den Staat regieren, so verursache man nur Schaden und Nachtheil, und begünstige Mord und Diebstahl; regiere man es aber dadurch, dass man keine Intelligenz im Staate verbreite, so sei das vernunftgemäss und richtig, und man werde eine glückliche Regierung haben.
Wer dies beides wisse und dann auch diese Grundsätze zur Anwendung bringe, und es verstehe sie fortwährend in Anwendung zu bringen, der sei, so sagten sie, mit unergründlicher Tugend begabt.
Unergründliche Tugend, ja, wahrhaftig, sehr tiefe, aber auch ebenso weit, nämlich weitab von der Jetztzeit, weitab vom richtigen Standpunkt, und dem, was man der Menschheit schuldig ist, was sie erwarten kann, geradezu entgegen!
Nun! Im Folgenden, da werden wir dahin gelangen, der Sache weiter nachgehen zu können.
Chapter 66
Wie kommt es doch, dass die gewaltigen Ströme und Meere die Herren aller Bergwässer sind, dass sie diese alle in ihr Gebiet aufnehmen? Dadurch, dass sie in edelmüthiger Weise sich unter diese herabzulassen verstehen, daher kann es allein kommen, dass sie die Herren und Könige der Berggewässer sind, und diese in ihr Gebiet aufnehmen.
So auch der Weise. Will er sich über das Volk erheben, will er wahrhaft höher stehen als dies, so muss er durch Wort und Lehre sich hinabbegeben unter dieses, will er dem Volk vorangehen und voranleuchten durch seine Weisheit und Geisteskraft, so ist sicherlich der beste Weg der, dass er seine Person in den Hintergrund stellt.
Und überhaupt, wer seine Höhe behaupten will über dem Volke, der darf dieses keinen Druck von oben fühlen lassen, wer seinen Vorrang vor dem Volke behaupten will, der darf dies nicht kränken und knechten, sondern muss ihm wohlthun in jeder Weise.
Dann wird die Welt ihm zujauchzen, wird glücklich und froh sein, ihn lieben, loben, ehren und hochschätzen, und ihn auch bei keiner Gelegenheit im Stich lassen.
Und da er ja keine Veranlassung zu Unruhen und Streitigkeiten gibt, so wird die Welt in Frieden leben, und nirgends auf Erden wird Kampf und Unruhe sein.
Chapter 67
Die Welt nennt zwar die vom Táo Beseelten im allgemeinen gross, ausgezeichnet, aber, ohne einen bestimmten Grund anzugeben, nur deshalb wol, weil es — das Táo — für sie, die Weltmenschen, unerreichbar ist, wie diese denn überhaupt nur die als grosse, ausgezeichnete Menschen betrachten, die ihnen unähnlich, deren Wesen für sie unerreichbar ist.
Wie steht es nun mit dieser Unerreichbarkeit?
O! Es wird allerdings noch lange dauern, bevor die Menschheit dahin gelangt, vom Táo durchaus beseelt zu werden, darum schon, weil dies geistig ist und deshalb nur durch Geisteskraft erfasst und erhalten werden kann.
Und weil die vom Táo Beseelten drei Kleinode besitzen, und sich dadurch kennzeichnen müssen, dass sie diesen Erwerb, diesen Besitz als ihr höchstes kostbarstes Gut betrachten.
Das erste dieser Kleinode ist die Liebe (amor, misericordia, benignitas).
Das zweite ist die Zufriedenheit, Genügsamkeit.
Das dritte ist, dass sie sich nicht für die Ersten und Besten der Welt, nicht für Vorbilder ausgeben, demnach die Demuth und Bescheidenheit.
Wer aber die Liebe besitzt, der hat Seelenstärke (Kap. 33).
Wer Genügsamkeit besitzt, Seelengrösse.
Wer nicht als Erster glänzen will, sondern Demuth besitzt, der ist dahin gekommen, das Werk der Liebe an seinen Nebenmenschen erfüllen zu können, und der macht sich so würdig für die Ewigkeit.
Wie steht es aber jetzt in der Welt?
Da verwerfen und verachten sie die Liebe, und somit die Seelenstärke.
Sie wollen nichts wissen von Genügsamkeit, und opfern damit ihre Seelengrösse.
Sie wollen nicht demüthig nachstehen, sondern jeder drängt sich vor, der Erste zu sein.
Für sie alle ist der Tod.
Jene aber, die mit den Waffen der Liebe kämpfen, erringen den höchsten, den schwersten Sieg, den Sieg über sich selbst. Dadurch werden sie vor allem Unheil geschützt, vor allem Bösen bewahrt sein, demnach das ewige Leben haben.
Der Himmel wird sie zum Heil führen, denn durch ihre Liebe wurden sie gerettet und vom Untergang bewahrt.
Chapter 68
Ein Edler und Weiser, überhaupt einer, der Anspruch auf Bildung macht, wird nicht roh und grausam mit den Menschen umgehen. Auch wenn er ihnen entgegentreten muss, wird dies nicht mit Zorn und Rache geschehen. Ein Edler wird seine Widersacher niederzubeugen und zu besiegen verstehen ohne Kampf.
Er wird die Menschen auf andere und bessere Weise sich unterthan und gehorsam zu machen wissen, ganz besonders durch seine Leutseligkeit.
Dies heisst, er wird die Menschen durch friedliche Mittel zur Tugend hinführen.
Dies heisst, er wird die Kräfte und Talente der Menschen zu verwenden verstehen.
Dies heisst, er wird die Menschen zum Himmel leiten, sich und sie diesem verbinden.
Dies ist, so sagten die Alten, das höchste zu erstrebende Ziel.
Chapter 69
Muss man aber einmal von den Waffen Gebrauch machen, sagten sie (die Alten), so wird es uns nicht einfallen der Wirth zu sein, der den Gast (den Feind, in der Defensive) erwartet, sondern wir sind der Gast, der (in der Offensive) zu jenem hingeht.
Noch weniger wird es uns einfallen, wenn wir einen zollbreit Terrain gewonnen, dann das Zehnfache, einen Fuss zurückzuweichen.
Das hiesse handeln und auch nicht handeln, halbe Massregeln ergreifen, das hiesse die Aermel aufstreifen, und dann die Arme nicht gebrauchen, das hiesse Lufthiebe machen, fechten gleichsam ohne Feind, das hiesse sich decken, ohne Deckung, sich schützen ohne Schutz.
Es gibt kein grösseres Unglück, als es mit dem Feinde, der uns gegenübersteht, leicht zu nehmen, oder sich in der stricten Defensive zu verhalten. Schätzt man seinen Feind gering, so kommt man in Gefahr sein höchstes Gut zu verlieren. Daher wollen wir kräftigen Widerstand leisten mit der Waffe in der Hand, oder besser die Offensive ergreifen und ihn aufs Haupt schlagen. Denn wer ein Herz für die Menschheit, wer ein Gefühl für die gute Sache hat, der muss siegen.
Chapter 70
Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen, und ebenso leicht ist es, ihnen gemäss zu handeln. Und doch versteht man sie im Weltleben nicht, und handelt demzufolge auch nicht nach ihnen. Denn meine Worte haben ihren Ursprung im Táo, und meine Werke geschehen im Herrn.
Diesen aber, den Herrn, kennen nun jene nicht, und daher verkennen sie mich und meine Lehre.
Die wenigen aber, die mich und sie kennen, die achten mich und beachten sie, denn sie wissen, dass der Weise auch unter dem einfachsten Gewande einen kostbaren Edelstein im Busen bewahrt.
Chapter 71
Die aber, die mich und meine Lehre kennen, und dennoch nicht das Erhabene, das Táo begreifen, die verstehen eben nicht ihre (moralische) Krankheit zu behandeln, denn jenes wird nur dann deutlich erkannt, wenn man von seinen Fehlern und Gebrechen sich befreit hat, daher fehlerfrei, moralisch gesund ist.
Der Weise hat keine Gebrechen, weil er sich von seinen Fehlern zu befreien gewusst hat. Er ist daher seelenrein, geistig gesund.
Chapter 72
Das Volk freilich bekümmert sich wenig um das Heilige und Geweihte; ihm sind (Kap. 62) die Grossen der Erde das Erhabenste, was es kennt.
Wenn nur seine, des Volkes, Wohnungen nicht zu armselig, zu beschränkt, zu dürftig sind, wenn es nur nicht Mangel leidet an seinen Lebensbedürfnissen, wenn es nur in diesen beiden Anforderungen nicht zu beschränkt ist, so hat es keine Sorgen.
Aber der Weise, der weiss, was dem Volke noththut, er handelt nach seinem Wissen, nicht nach dem, was nur der Augenschein lehrt. Er handelt aus Liebe zur Menschheit, wenn nicht aus Achtung.
Jenes, das Hangen der Menschen nur am irdischen Wohlergehen, verwirft er, und folgt diesem, der Liebe zur Menschheit und dem Erkennen des wahren Wohles derselben.
Chapter 73
Kraft mit Vermessenheit gepaart führt zum Tode; Kraft mit Vernunft und Ueberlegung vereint, und nicht durch Vermessenheit hervorgerufen, zum Leben.
Von beiden wissen wir wol, dass die eine gedeiht, die andere nicht gedeiht, dass also der Himmel die menschliche Vermessenheit, die Anmassung nicht will, aber die Motive anzugeben, warum sie der Himmel nicht will, und was er überhaupt verabscheut, wer vermöchte das?
Darum ist ja eben die Lehre des Weisen so gewichtig, weil er uns durch des Himmels Táo belehrt, dass wir nicht ankämpfen sollen gegen seine Schickungen, sondern einen edlern Kampf kämpfen sollen und darin Sieger bleiben, den Kampf gegen uns selbst; dass wir nicht prahlen, nicht viel leere Worte machen sollen, sondern verstehen sollen uns seinem Willen zu fügen, dass wir endlich die Lehren nicht andern aufdringen, nicht octroyiren sollen, sondern, dass wir die andern so überzeugen, dass sie von selbst zu dem Glauben kommen und begreifen.
Das wird freilich nicht auf einmal, das wird nur langsam von statten gehen, aber durch sorgfältiges Forschen, Prüfen, Aufklären und Ueberzeugen werden wir doch das Ziel erreichen.
Dann werden uns des Himmels Gebote enthüllt sein.
Durchdrungen und überzeugt von den herrlichen Wahrheiten derselben, werden wir nicht mehr irren und demnach nicht verloren werden für den Himmel.
Chapter 74
Wenn ein Volk keine Todesfurcht kennt, wie kann man ein solches durch Todesstrafen schrecken wollen, und wenn wir es auch wirklich dahin brächten, das Volk in beständiger Furcht vor dem Tode zu erhalten, und es beginge jemand etwas ganz Abenteuerliches, irgendeine grosse Schandthat, wer sollte so vermessen sein, die Todesstrafe über ihn zu verhängen?
Gibt es doch einen höhern, einen ewigen Richter, einen Herrn über Leben und Tod, dem es allein zusteht, den Tod zu verhängen.
Jeder andere, der, an Stelle des alleinigen Herrn über Leben und Tod, die Todesstrafe auszusprechen sich anmassen wollte, würde dem gleichen, der anstatt des Zimmermanns die Zimmeraxt führen wollte.
Wol wenige wird es geben, die sich dabei nicht die eigene Hand verwundeten.
Chapter 75
Warum muss das Volk Hunger leiden?
Weil die hohen Beamten üppig leben wollen, so wird das Volk durch ungeheuere Steuern und Abgaben gedrückt, und deshalb muss es hungern.
Warum ist denn das Volk so schwer zu regieren?
Daran sind wieder die hohen Beamten aus denselben Ursachen des Wohllebens und der daraus resultirenden Bedrückung des Volkes schuld, und deshalb ist das Volk so schwierig zu regieren.
Warum macht sich das Volk so wenig aus dem Tode?
Weil es sich zu sehr nach irdischem Wohlergehen, nach behaglichem Wohlleben sehnt, und weil es die einzigen Genüsse, die es kennt, die sinnlichen, selten oder fast nie erreichen und befriedigen kann, deshalb ist ihm der Tod, der ihm Befreiung von Mühseligkeit und Arbeit gibt, eine Erleichterung, deshalb fragt es wenig nach ihm.
Wenn nun jene alle dem Nichtmateriellen sich zuwenden wollten, so würden sie ihr Leben erst zu etwas machen, und sie würden Genüsse kennen lernen, die den Freuden dieses Lebens weit vorzuziehen sind.
Chapter 76
Der Mensch ist, solange er jung und lebenskräftig ist, zart, elastisch, nachgiebig, geschmeidig, beweglich; wenn er altersschwach geworden, wenn er gestorben, ist er zäh, hart, fest und starr.
Gerade wie die Pflanzen und Bäume, die in Lebensfrische biegsam und elastisch, und wenn sie abgestorben, hart, zäh, fest, starr sind.
Es tritt daher die Zähigkeit und Härte in Begleitung des Todes, das Zarte und Feine, das Elastische, Nachgiebige in Begleitung des Lebens auf.
Daher entspricht auch der starre und feste Theil eines Bogens den Anforderungen an eine gute Waffe noch nicht, denn das ist nur hartes, zähes Holz, sondern das Dazugehörige, die elastische Sehne.
Ja, das Feste, Grobe, Zähe, Starre nimmt die niedere Stellung ein, das Leichte, Zarte, Nachgiebige die höhere.
Chapter 77
Und gleicht nicht die Lehre vom Táo dem Spannen des Bogens?
Wird nicht (wie hier der Spanner mit dem linken Arm den starken Bogen von sich abhält, und die nachgebende, schwache Sehne mit der Rechten zu sich anzieht) auch der irdisch Hohe erniedrigt, und der Niedere erhöhet werden?
Wird nicht der in Ueppigkeit und Wohlleben Schwelgende verloren sein, und der Arme und Dürftige gerettet werden?
Ja, nach den himmlischen Gesetzen, da sollen die im Wohlleben sind, von ihrem Ueberfluss verlieren, und er soll den Armen und Dürftigen zugute kommen.
Aber der Menschen Wege sind nicht des Himmels Wege, — auf Erden, wie ist es da so ganz anders. Da wird dem Dürftigen das Wenige genommen, um es denen zu geben, die schon schwelgen im Ueberfluss.
Wer ist wol auf Erden, der fähig wäre, von seinem Reichthum, seinem Ueberfluss etwas abzugeben? Nur der, welcher vom Táo-beseelt ist!
So kommt es, dass der Weise die Vorschriften des Táo befolgt, ohne an seinen Nutzen zu denken, dass er die ihm überkommenen Pflichten erfüllt, ohne müde zu werden, ohne nachzulassen, und dass er dies für ganz selbstverständlich, nicht für etwas Besonderes, nicht als etwas Ausgezeichnetes betrachtet.
Chapter 78
Es kann doch in der Welt nichts Nachgiebigeres, Beweglicheres, Schwächeres, Zarteres geben als das Wasser. Und dennoch, wenn es darauf ankommt, das Starke, Robuste und Feste vollständig zu überwältigen, so geht nichts über dies. Dies geschieht aber durch die ihm innewohnende, unsichtbare, immaterielle Kraft, die alles bewältigt und verändert.
Dadurch besiegt das Schwache — das Robuste und Feste; das Nachgiebige und Bewegliche — das Spröde, Harte.
Es ist auf Erden niemand, der das nicht wüsste aber niemand ist im Stande, weitere Folgerungen daran zu knüpfen.
Darum sagt auch der Weise:
Er trägt den Staub der Welt und heisst doch Herr aller Herren (im Reiche der Geister).
Er trägt der Welt Elend und heisst doch ein König der ganzen Welt. —
Die Worte, wie paradox sie auch klingen mögen, enthalten dennoch eine tiefe Wahrheit.
Chapter 79
Wenn nun auch jemand versuchen wollte, die grossen Widerwärtigkeiten und Ungleichheiten zu versöhnen und auszugleichen, es würde ihm unmöglich vollaus gelingen, immer würde ein reichlicher Ueberfluss von Controversen stattfinden, denn er müsste ja dahin gelangen, alle Menschen gut und edel zu machen, und wer vermöchte das?
Daher begnügt sich der Weise die linke Seite (seinen Theil) des Contractes innezuhalten, d. h. seine gegebenen Versprechungen, das, was er andern schuldet, nicht zu vergessen, aber nicht von den Menschen zu fordern, dass sie ihren Verpflichtungen nachkommen.
Wer die Tugend übt, der hält seinen Contract, wer sie nicht übt und liebt, der sucht sich auf alle Weise seiner Verpflichtungen gegen die Menschheit zu entheben; denn des Himmels Táo ist ja so fern, und mit dem Hinweis auf die Ewigkeit können nur die edeln Menschen belohnt werden.
Chapter 80
Die kleinen Leute im Reiche sind aber leider nur zu roh, zu ungebildet, zu ungeschickt. Und wenn sie die Habseligkeiten und Reichthümer von zehn Fürsten hätten, wüssten sie nicht, was sie damit beginnen sollten; wenn man also auch dem Volke das Sterben schwer machen wollte, würde es sich doch nicht ändern.
Denn wenn es die schönsten Schiffe und Wagen in Menge hätte, wüsste es sie doch nicht zu steuern und zu lenken, wenn es auch die besten Waffen hätte, wüsste es sie doch nicht zu gebrauchen. Ja! Und wenn die Wissenschaft umkehrte, wenn man zurückginge zum Kerbholz und zu den Knötchen im Faden, so wäre ihm das eben recht, es würde auch damit auskommen.
Wenn nur den Leuten ihr Essen und Trinken schmeckt, wenn sie etwas Hübsches anzuziehen, wenn sie eine hübsche Häuslichkeit haben. Kurz, das Volk hat nur Freude am Materiellen, es ergötzt sich nur am Alltäglichen, es kennt nur das Gewöhnliche, Gemeine.
Ja, im Reiche nehmen oft die Nachbarsleute voneinander nur insoweit Notiz, als sie das Krähen des Nachbarhahns, das Bellen des Nachbarhundes vernehmen, aber sie können ein hohes Alter erreichen, sie können sterben, ohne dass sie auch nur einander besucht hätten.
Chapter 81
Diese Worte, so offen und wahr sie sind, so wenig angenehm und lieblich klingen sie; wem es aber nur darum zu thun ist, schöne Worte zu machen, der kann nicht bei der Wahrheit bleiben. Ein Rechtschaffener ist schlicht in seinen Reden, er schmückt nicht aus, er schmeichelt nicht. Wer schmeichelt, ist nicht redlich.
Wer es nun weiss, dass es so steht mit dem Volke, mit der Welt, der kann es nur leider nicht ändern, und die es ändern, wenigstens bessern könnten, die kennen eben die Consequenzen nicht.
Der Weise aber, dem das Immaterielle das höchste Ziel ist, nach dem er hinstrebt, und für das er beständig wirkt, bedenkt, dass es doch auch schon jetzt Menschen gibt, die im Guten erstarkt sind, und hofft, dass dadurch, dass die Guten auch auf andere einwirken, es dahin kommen wird, dass immer mehr und mehr sich dem Táo zuwenden.
Um so mehr, wenn man wird einsehen lernen, dass das Táo nur beglücken und segnen, und niemand schaden und verderben kann.
So bleibt der Weise unablässig beim Táo und schafft und arbeitet dafür, freilich ohne seine Meinung, seine Ansichten irgendjemand gewaltsam aufdringen zu wollen.